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Stanislaw Lem [1] [2]
Holk Cruse
 


Die Geburt der Intelligenz


 
Holk Cruse
   

Professor Holk Cruse, der Leiter der Abteilung für Biologische Kybernetik und Theoretische Biologie in Bielefeld, versucht sich dem Begriff der Intelligenz als Biologe zu nähern. Interessant ist diese Annäherung vor allem deshalb, weil Cruse nicht in die Arroganz weltfremder AI – Forscher verfällt und Intelligenz als völlig losgelöstes Phänomen begreift: „Der Mensch hat sich, wie alle Tiere, im Laufe der Evolution in einem allmählichen Übergang aus Vorstufen entwickelt. Das lässt vermuten, dass man einem Verständnis des Phänomens der Intelligenz dann näher kommen kann, wenn man zunächst die auch einfacher zu verstehenden Vorstufen untersucht, um so von einfacheren zu komplexeren Systemen fortzuschreiten.“

Holk Cruse betont die, sehr wichtige Unterscheidung, zwischen „intelligent“ als Eigenschaft und „Intelligenz“ als Fähigkeit. Viele Tiere haben im Laufe der evolutionären Entwicklung intelligente Eigenschaften entwickelt, die selbst heutige Forscher in Erstaunen versetzen. Die enorme Haftkraft von Fliegenbeinen, die Infrarotsensoren in den Beinen einer Käferart, die noch in 80 km Entfernung die Hitze eines Waldbrandes „erfühlen“ kann, die Wärmesensoren der Schlangen oberhalb ihrer Zähne, mit denen sie nachts „sehen“ können – diese und andere Entwicklungen der Evolution, die Forscher der Bionik bislang nicht annähernd imitieren können, sind intelligente Eigenschaften. Davon unterscheidet sich, laut Cruse, unser individuelles Vermögen zu lernen und sich auf verändernde Situationen schnell, kreativ und logisch anzupassen. Das eigenständige Lösen von Aufgaben und Verarbeiten von Symbolen beruht nicht auf Eigenschaften, sondern auf intelligenten Fähigkeiten. Cruse unterscheidet also deutlich zwischen der evolutionär erworbenen immanenten „verkörperten“ intelligenten Eigenschaft einer Art, die sich nur durch Erfahrung und Gebrauch bilden konnte und den intelligenten Fähigkeiten eines Individuums. Bisweilen übertreffen die Eigenschaften die Fähigkeiten und so sollte der Mensch, laut Cruse, nicht zu arrogant auf die Errungenschaften der Käfer, Bienen und Ameisen herabschauen. Wir könnten die Lösungswege der Evolution, die nur auf Erfahrungen beruhen, nutzen, um mehr über uns selber zu erfahren.


Sechsbeiniger Roboter
Interview mit Holk Cruse in Bielefeld

 

Was können wir von der Natur lernen Herr Cruse?

Cruse: Eine ganze Menge. Sehen sie sich doch nur einmal die Unzahl an praktischen, ökonomischen und mit „Cheap Design“ ausgestatteten Lösungen der Tierwelt an. Da gibt es intelligente Eigenschaften, die viel einfacher aufgebaut sind, als die hochkomplexen Lösungsansätze unserer Techniker. Wenn sie die beiden Verfahren gegeneinander abwägen, muss man die Intelligenz einfach gebauter natürlicher Systeme durchaus höher bewerten. Das mag zunächst wie ein Widerspruch erscheinen, einfach versus komplex, da würde man intuitiv die komplexen Systeme höher einstufen – aber bei genauerer Betrachtung ist es viel schwieriger, mit geringen Material- und Energiekosten Intelligenz zu erzeugen.


Welchen Vorteil hatte es für die Evolution „abstrakte rationale Intelligenz“ herauszubilden, reicht den die „praktische Intelligenz“ nicht aus?


Cruse: In der Tat belohnt die Evolution vordergründig nicht die Entwicklung theoretischer Fähigkeiten, sondern sie belohnt in erster Linie Eigenschaften, die der Art helfen, sich in seiner konkreten Umwelt besser zurecht zu finden. Intelligenz ist adaptives Verhalten. Aber das reine Vorstellen einer Welt, kann natürlich immense Vorteile mit sich bringen. Sie können im Kopf Szenarien durchspielen, die ihnen in der harten Wirklichkeit, der „freien Wildbahn“, sehr gefährlich werden könnten. Dies ist unter ökonomischen Aspekten äußerst sinnvoll. Denken kostet den Organismus nicht so viel Energie wie Handeln.


 
Sie stellen in ihren Untersuchungen die rationalen Leistungen der Intelligenz hinten an und widmen sich in erster Linie „intelligenten Konstruktionen und Systemeigenschaften“. Was fasziniert sie als Biologe daran?

Cruse: Nun, zuerst einmal fällt den Biologen in aller Welt immer mehr auf, wie intelligent Tiere und selbst Pflanzen „konstruiert“ sind. Rationale Intelligenz mag zwar für solche Dinge, wie das Bilden von Begriffen und die Manipulation dieser Begriffe sehr wichtig sein, es ist aber offensichtlich, dass rationale Intelligenz zum Verständnis unserer intelligenten Handlungen nicht ausreicht. Wir konzentrieren uns in unseren Untersuchungen auf Aspekte, die wir „prärational“ nennen. Einen Schachcomputer können sie mit mechanischer „Intelligenz“ voll stopfen, er wird daraufhin niemals eigene „nominale“ Intelligenz entwickeln, wie wir sie besitzen. Biologische Systeme jedoch, das sieht man am Menschen, haben den Sprung von der prärationalen, prozessualen Intelligenz zur rationalen Intelligenz geschafft.

 

 

 

 

 




 
Das vollständige Interview wird in Kürze an dieser Stelle erscheinen.

 

 

 

 

 

 
     

 


 

 
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