|
|
|
Die Insel des
Lachens

|
|
Antonio R. Damasio
|
| |
|
Der in Portugal geborene Wissenschaftler
widmet sich in einem der größten neurologischen Labore
der Welt neben der medizinischen Forschung und Heilung auch Grundfragen
der Neurowissenschaften und Philosophie. Besonders interessiert
ihn dabei, was unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt.
Wieso fühlt der Mensch und wieso kann er auf der anderen
Seite so gefühlskalt und emotionslos sein? Was ist Mitleid
und wieso ist die Empathie bei einigen Menschen einfach nicht
vorhanden? Der leidenschaftliche Theatergänger und Kunstfreund
Damasio interessiert sich aber auch, wie man im Gespräch
sehen kann, sehr für den Tanz.
|
|
Erstes
Interview mit Antonio
Damasio in Iowa City
|
|
Herr
Damasio, Sie kommen hier in ihrer neurologischen Abteilung in Iowa
City ja kaum zur Ruhe. Draußen auf dem Flur ist die Hölle
los. Ist es immer so voll auf ihrer Station?
Damasio: Ja eigentlich
habe ich nur wenig Zeit für Interviews und wären Sie nicht
extra aus Europa gekommen ... wissen sie, auch meine Patienten kommen
von recht weit her, aus dem ganzen Land. Und die USA ist sehr groß.
Aber nun habe ich ja Mittagspause.
Nun gut, also kommen wir gleich
zu ihrem Spezialgebiet. Sie haben als Wissenschaftler die Gefühle
in den Brennpunkt ihrer Forschung geschoben. Was fasziniert sie
so an unserer Gefühlswelt?
Damasio: Die Gefühle
und Emotionen sind von der Wissenschaft bisher fast vollkommen übergangen
worden. Eine Erforschung der Emotionen durch die Neurowissenschaft
hat bislang kaum stattgefunden. Dabei macht es überaus viel
Sinn, dass die Evolution uns mit Emotionen ausgestattet hat.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Damasio: Im
Extremfall dient der bioregulatorische Mechanismus einer Emotion
schlichtweg unserem Überleben. Denken sie beispielsweise an
das Gefühl der Angst. Im Grunde genommen erfüllen die
Emotionen gleich zwei biologische Funktionen. Erstens bringen sie
sie dazu, auf einen bestimmten äußeren Reiz schnell adäquat
reagieren zu können, beispielsweise mit einer Fluchtreaktion.
Zweitens sorgen Emotionen für die Regulation ihres inneren
Zustands. Denken sie doch nur an einen Hund, der sich unterwirft.
Seine innere Erregung wird durch die herabgesetzte Herz- und Atemfrequenz
zu seinem Vorteil verändert. Die Evolution hat hier ein wunderbares
Instrument der Regulation geschaffen.
|
|
Es gibt ja sogar Arten, die sich
tot stellen wie Schlangen oder manche Insekten. Ist auch das eine
Emotion?
Damasio:
Sehen sie, Emotionen gehören zu den lebensregulierenden
Mechanismen. Beim Sich-tot-stellen geschieht genau das Gegenteil
dessen, was bei der Fluchtreaktion abläuft. Hier wird durch
eine erhöhte schlagartige Zufuhr von Blut, vor allem für
die Beinarterien, vermehrt dafür gesorgt, dass die Muskeln
mehr Sauerstoff und mehr Glukose erhalten, um die Flucht erfolgreich
ablaufen zu lassen. Beim Sich-tot-stellen sehen sie auf den ersten
Blick keine Emotion. Doch zweifellos ist es eine sehr effektive
Reaktion und insofern eine Emotion, die gleichsam im Innern abläuft.
Sie sehen also hier die andere Seite der Medaille.
Können sich auch Menschen
„tot stellen“? Und welchen Sinn verfolgen sie damit?
Damasio:
Beim Menschen müssen sie sehr deutlich
unterscheiden zwischen einem „Sich-tot-stellen“, welches
eindeutig auf den Mechanismen der Verdrängung beruht einerseits,
und einem pathologischen Mangel an emotional adäquaten Reaktionen
andererseits. Im ersten Fall kann es durchaus geschehen, dass
ein Mensch, der sich in einer schwierigen Lage befindet, seine
Situation umso mehr leugnet und verdrängt, desto schlimmer
diese Situation wird. Ich habe Menschen erlebt, die eigentlich
hätten absolut verzweifelt sein müssen. Doch sie haben
einfach alle Warnzeichen ignoriert und erschienen nach außen
hin cool und relaxed. Kamen die Mahnungen, haben sie einfach ihren
Briefkasten nicht mehr geleert. Auch das ist eine Art sich tot
zu stellen. Handelt es sich hingegen um eine neurologische Erkrankung,
so kann man nicht von Sich-tot-stellen sprechen. Es handelt sich
meistens um einen Defekt in den subcortikalen Bereichen des Gehirns,
wenn Menschen keine emotionalen Regungen zeigen. Sie können
das, was außen vor sich geht meistens nicht empathisch nachempfinden,
weil sie es nicht spiegeln können. Wenn sie von emotional
sehr aufwühlenden Schicksalsschlägen sprechen, zeigen
sie keinerlei Regung.
Sie unterscheiden zwischen Emotionen
und Gefühlen. Können sie den Unterschied erklären?
Damasio: Unter Emotionen
versteht man das sehr komplexe Zusammenspiel von chemischen und
neuronalen Reaktionen, die dann ein Muster bilden. Auffallend
dabei ist, dass der jeweilige Ausdruck von Emotionen artübergreifend
sehr ähnlich ist. Auch sie als Mensch erkennen sofort, ob
ein Hund oder eine Katze Angst zeigt. Auf diese artübergreifende
Lesbarkeit von Emotionen hat bereits Charles Darwin hingewiesen.
Emotionen laufen meist sehr stereotyp und automatisch ab. Wenn
sie bei ihrer Reise um den Globus genau hinschauen, so werden
sie schnell erkennen, dass die Amerikaner sich im Grunde doch
nicht so sehr von Europäern unterscheiden, wie sie vielleicht
dachten. Fast überall auf dieser Welt können sie die
Emotionen gleich „lesen“ und somit auch nachempfinden
und mitfühlen. Das liegt daran, dass die Reaktionsmuster
der Emotionen eng mit dem Körper verbunden sind.
Die Gefühle hingegen sind wesentlich näher mit ihren
verarbeitenden Denkprozessen verknüpft. Gefühle kann
man notfalls verstecken, Emotionen kaum. Gefühle –
das ist ihr innerer, privater Raum, in dem sich die Emotionen
bereits zu Vorstellungen gewandelt haben.
Wenn sie das so sagen klingt das recht klar.
Doch im allgemeinen Sprachgebrauch werden Emotionen und Gefühle
sicherlich oft gleichgesetzt.
Damasio: Ja, das
ist dasselbe wie mit den Begriffen empfinden (to sense) und fühlen
(to feel). Auch hier machen die Menschen meistens keinen Unterschied.
Das ist hochinteressant.
Bereits vor über 90 Jahren hat der Tanz – und Weisheitslehrer
Georg Iwanovitsch Gurdjieff in den Bewegungsübungen der „Movements“
auf genau denselben Umstand hingewiesen. Er unterschied klar zwischen
Empfindung und Gefühl. Man kann diese Übungen übrigens
im Film von Peter Brook „Meetings with remarkable men“
sehen. Dieser Film dürfte sie bestimmt interessieren.
Damasio:
Ich kenne den Film. Sie
kennen Peter Brook?
|
|
Nein,
persönlich kenne ich ihn nicht.
Damasio:
Nun, Peter Brook ist ein sehr guter Freund
von mir. Wissen Sie was, wir können unser Gespräch gerne
morgen fortsetzen. Sagen wir zur gleichen Zeit, hier in meinem Büro.
Ich muss mich jetzt meinen Patienten widmen. Eigentlich bräuchte
man sieben Leben ... Ich werde mir dann morgen in der Mittagspause
wieder etwas Zeit für Sie nehmen.
Zweites
Interview mit Antonio
Damasio in Iowa City
In ihrem Buch „Der Spinoza-Effekt“
schreiben sie, das Gehirn sei ein großer Imitationskünstler.
So sei es auch in der Lage, bestimmte emotionale Körperzustände
intern zu simulieren. Können sie ein Beispiel geben?
Damasio:
Ich habe mich bei dieser Aussage auf etwas
bezogen, das mein verehrter Kollege Giacomo Rizzolatti Spiegelneuronen
genannt hat. Die von mir postulierte „Als-ob-Körperschleife“
ist ein ähnlicher Mechanismus. Ich verstehe darunter die Fähigkeit
innerlich Gefühle „nachzuahmen“. Ein Kind ahmt
so bereits nach, was es bei der Mutter und beim Vater sieht und
fühlt und schult auf diese Weise seine Empathie. Falls wir
emphatisch gut geschult sind, können wir später auch „mitfühlen“
wenn uns z.B. von einem Unfall berichtet wird. Eine Spielart dessen,
was ich „Als-ob-Körperschleife“ nenne, sorgt dafür,
dass wir das Leid des Unfallopfers wirklich innerlich nachempfinden
können.
Ich habe mit Herrn
Rizzolatti in Parma über das Spiegeln von Emotionen gesprochen,
er vermutet den Sitz der emotionalen Spiegelneuronen in einem Teil
des Gehirns der sich Insel nennt.
Damasio:
Das kann ich mir auch sehr gut
vorstellen. Die Insel ist schon ein ganz besonderer Teil unseres
Gehirns. Kürzlich haben Kollegen von mir eine Untersuchung
gemacht, um herauszufinden wo die Korrelate unserer lustvollen Zustände
verursacht werden, die wir beim Hören schöner Musik empfinden.
Sie kennen ja sicher diesen Schauer, der einem beim Hören bestimmter
Musik den Rücken runter läuft, ihnen sträuben sich
die Härchen am Arm usw. Anne Blood und Robert Zatorre haben
die Korrelate dieser Reaktionen u.a. in der Insel gefunden.
|
|
Sie sprachen gestern bei unserem
ersten Gespräch davon, dass es Menschen gibt, die Emotionen
anderer Menschen nicht „spiegeln“ könnten. Auch
dies hat wohl mit den Spiegelneuronen und der Insel zu tun.
Damasio:
Sicherlich. Giacomo Rizzolatti hat da einen
wirklich interessanten Punkt entdeckt. Es handelt sich um einen
Prozess, der in der äußeren Welt ablaufende Handlungen
innerlich nachvollzieht, um diese zu begreifen, nach dem Motto:
Ich verstehe innerlich was du da tust und kann es nachempfinden.
Schauen sie, ihre innere Welt, und eigentlich kennt ihr Gehirn
ja nichts anderes wirklich, wird von vielen, oft automatischen
Prozessen reguliert, um eine Homöostase herzustellen. Ich
hatte bereits darauf hingewiesen, dass neben den bekannten Größen,
dem Stoffwechsel usw. auch die Emotionen hier eine wichtige Rolle
spielen.
Warum brauchen wir dieses innere Gleichgewicht? Ganz einfach,
es liefert uns die Garantie dafür, dass alle Lebewesen die
gleichen Voraussetzungen haben. Alle können auf diese automatischen
Lösungen zugreifen.
Doch diese gleiche Basis ist dann gestört, wenn körpereigene
Strukturen sich verändern. Dies wirkt sich unmittelbar auf
ihr emotionales Spiegeln der Welt aus. Sie können, je nachdem
wo das chirurgische Messer des neurologischen Defektes angesetzt,
von einem Moment auf den anderen kein Mitleid, keinen Ekel oder
keine Liebe mehr empfinden. Sie spüren keine Angst mehr oder
wirkliche Freude ist ihnen fremd. Bei mehr als 2000 Fällen,
die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe, sind mir sehr seltsame
Dinge begegnet. Auf den ersten Blick sahen einige Patienten so
aus, als ob sie diesen Verlust nur spielen würden. Es wirkt
manchmal so unwirklich. Man kann es einfach nicht glauben, da
man selbst bei ihren Schilderungen Emotionen spürt, die dem
Erzähler völlig fremd zu sein scheinen.
Doch wir Menschen können Emotionen doch tatsächlich
vortäuschen, Mitleid heucheln und ein guter Schauspieler
vermag sogar, wenn seine Rolle dies erfordert, zu weinen. Warum
sollte es also nicht auch möglich sein, nur so zu tun, als
habe man keine Emotionen.
Damasio:
Nein nein, die Patienten, die hier erscheinen,
sind keine Simulanten, warum sollten sie auch. Was das Schauspielen
betrifft: Sicherlich können sie es mit einiger Übung
hier wirklich sehr weit bringen. Doch jeder, der sich mit der
Gesichtsmuskulatur halbwegs auskennt, wird ihr falsches oder gespieltes
Lächeln entlarven können. Vielen Menschen fällt
es besonders schwer auf Kommando in eine Kamera zu lächeln.
Warum ist das so? Die automatische Reaktion eines natürlichen
Lächelns wird abgelöst durch eine Aufforderung, die
dann die Gesichtsmuskulatur über den motorischen Kortex und
seiner Pyramidenbahn erst einmal unter Kontrolle bringen muss.
Sicher kennen sie diese gestellten Bilder auf denen der Fotografierte
nur „Cheese“ gesagt hat. Dies ist die einfachste Variante
eine eigentliche Emotion, durch rein motorisches Verhalten, zu
ersetzen. Leider läuft das fast immer schief und sieht zudem
furchtbar aus. Was ihnen mühelos gelingt, wenn sie Freude
empfinden, kostet sie unglaubliche Mühe, wenn sie sich zu
einem „pyramidalen Lächeln“ zwingen müssen,
wie Norman Geschwind, ein Neurologe aus Harvard, das genannt hat.
Woran erkennt man denn ein falsches
Lächeln?
Damasio:
Sicherlich
ist ihnen bekannt, das die Augen mitlachen müssen, nicht
nur der Mund. Doch selbst einem Lawrence Olivier ist es kaum gelungen
die Augen willkürlich mitlachen zu lassen. Da kann sich ein
Schauspieler noch so sehr hineinversetzen und Stanislawskis Methoden
studiert haben. Die Mundpartie wird ihnen relativ leicht fallen.
Der Musculus risorius heißt ja nicht umsonst so („Lächelmuskel“).
Den können sie willkürlich steuern. Doch gelingt ihnen
das eben nicht beim Musculus orbicularis oculi („Augenringmuskel“),
da dieser sich nur unwillkürlich bewegt.
Gute Schauspieler versuchen aber heutzutage mit einigen kleinen
Tricks ein lächelndes Leuchten in ihre Augen zu bringen.
Aber, jetzt möchte ich die Zeit nutzen und ihnen einige Fragen
zu stellen. Sie erzählten gestern etwas über so genannte
Movements, die Peter Brook auch in seinem Film „Meetings
with remarkable men“ gezeigt habe. Können sie mir etwas
darüber erzählen? Wozu dienen diese Movements?
Die Movements wurden von einem gewissen
Georg Ivanovitch Gurdjieff, geschaffen. Er nannte sich gerne auch
einen kaukasischen Tanzlehrer. Peter Brook hat die Movements als
erster im Film gezeigt, den sie genannt haben. Sie wurden von
Gurdjieffs Mitarbeiterin Jeanne de Salzmann für den Film
persönlich choreografiert. Man könnte die Movements
oberflächlich als Tanz oder Körperschulung betrachten,
bei genauerer Betrachtung sind sie eine ganzheitliche Übung.
Gurdjieff würde sagen, für das „dreihirnige Wesen
Mensch“ – sein Denken, Fühlen und Handeln.
Damasio:
Das ist interessant. Könnten sie
mir ein solches Movement zeigen oder wäre das zu viel verlangt?
Nein, das wäre möglich
(Ich zeigte Antonio Damasio eine
Übung, die sich „First Obligatory Movement“ nennt)
Damasio:
Sie kennen Peter Brooks nicht persönlich,
aber woher kennen sie dann diese Bewegungsübung?
Lange Zeit wurden diese Tänze, die von Gurdjieff als Bewegungssprache
konzipiert wurden ja geheim gehalten. Ende der Achtziger Jahre
kamen dann überraschenderweise einige Amerikaner nach Europa
und begannen sie zu unterrichten. Ich habe sie also von ihren
Landsleuten gelernt. Auf einem dieser Seminare war auch Wim van
Dullemen, ein holländischer Musiker, der die Tänze noch
in Amsterdam und Berlin unterrichtet. Es gibt also heute durchaus
Menschen, die sich um die Verbreitung der Movements bemühen.
Damasio:
Wozu dienen diese Movements? Peter Brook
sagte mir einmal, diese tänzerische Bewegung hätte auch
direkte Auswirkungen auf die menschliche Psyche.
Die Movements sollen in erster Linie die Balance zwischen dem
Denken, Fühlen und Handeln wieder herstellen. Die meisten
Menschen denken zu viel, bewegen sich zu wenig und schulen sich
höchst selten in ihren Gefühlen. Gurdjieff hat in über
250 sehr exakt auszuführenden Tänzen eine regelrechte
Anleitung, eine Bewegungssprache geschaffen, die einem bestimmten
Zweck dienen soll: das Gleichgewicht wieder herzustellen und Körper,
Gefühl und Verstand zu harmonisieren. Über ihre rein
gesundheitsfördernde Wirkung hinaus, so sagte Gurdjieff,
seien sie auch ein ausgezeichnetes Mittel, unser Bewusstsein zu
schärfen.
Damasio:
Die Bewegungen sehen auf den ersten Blick
so einfach aus, erfordern dann aber bei ihrer Ausführung
unsere volle Aufmerksamkeit. Wissen sie was, ich werde ihnen die
Adresse von Peter Brook in Paris geben. Er ist, das muss ich schon
sagen, ein sehr faszinierender Mensch. Jedes Mal, wenn ich in
Paris bin, treffen wir uns. Er arbeitet in seinem Theater, dem
Théâtre des bouffes du Nord.
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|