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Die Intelligenz der Hosenträger

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Stanislaw Lem
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Der mittlerweile in 41 Sprachen
übersetzte und in einer Auflage von 27 Millionen Büchern
weltweit bekannte 83jährige polnische Schriftsteller gibt
keine Interviews mehr. Zumindest nur noch solche, an die er knallharte
Bedingungen stellt.
Nach monatelangem Versenden des,
in Krakau scheinbar nur schwer erhältlichen Genussmittels
„Diätetisches Marzipan“, war Herr Lem schließlich
bereit, mich zu empfangen. Nach den „Gesprächen“
verbot er mir dann allerdings jede Art von Veröffentlichung!
Ich solle mich erst einmal bewähren! Vielleicht sei ich ja
doch nur einer dieser „Diebe geistigen Gutes, die von Herrn
Lems Gedanken leben“. Erst nach sechsmonatigem weiteren
Versenden der Marzipan-Care-Pakete durfte ich ihn erneut in Krakau
besuchen. Er wolle „sich das mit dem Veröffentlichen
überlegen und mir „eventuell“ eine Erlaubnis
zusenden.“
Lems Romanhelden Pirx und Tycho
haben die Weiten des Alls vor allem aus einem Grund durchkreuzt:
um ebenso wie ihr Autor Erkenntnisgewinn zu erlangen. Seine in
57 Sprachen übersetzten Werke, die in einer Gesamtauflage
von 45 Millionen vorliegen, nennt er seine „Kinder“.
Lem, der von sich selber sagt, er habe sich nur im Ramsch-Laden
der Science Fiction niedergelassen, weil er die Bezeichnung früher
wörtlich genommen hätte, verstand sich selbst immer
auch als Kybernetiker und „schreibenden Philosophen“.
Sein wohl bekanntestes Werk Solaris, wurde bereits zweimal verfilmt.
Die letzte Version, mit George Clooney als Darsteller, fand Lem
„grauenhaft“.
Viele seiner futurologischen Verheißungen,
wie der elektronisch-bargeldlose Zahlungsverkehr, sind längst
Wirklichkeit geworden. Doch heute glaubt der Fiction-geläuterte
Autor, andere „Erfindungen seines Geistes“, seien
niemals zu realisierende Illusionen. So sei eines seiner früheren
Steckenpferde, die intelligente Robotik, nur ein Wahngebilde.
In der Realität, so Lem, werden auch „kinästhetische
reizvolle Ausflüge in den virtuellen Raum“, genauso
wie bemannte Flüge zum Mars auf immer ein Traum bleiben müssen
- oder zu einem realen Alptraum werden.
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Erstes Interview mit Stanislaw
Lem in Krakau
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Herr
Lem, wenn ich Sie auf polnisch fragen wollte, wie es ihnen geht,
könnte ich die Formulierung „Jak leci?“ verwenden.
Das heißt jedoch nicht „Wie geht’s?“ sondern
wörtlich übersetzt „Wie fliegen Sie?“
Lem: Nun – zuerst
einmal geht es mir gut. Danke. Aber Sie haben Recht. Fast in allen
europäischen Sprachen fragt man: „Wie geht es? oder „Wie
steht`s?“ Alles sehr erdverbundene Begriffe. Nur das Polnische
verwendet diese eigenartig luftige Form des Fragens nach dem Befinden.
Wieso sich das etymologisch im Polnischen so entwickelt hat, ich
habe keine Ahnung.
Man könnte fast annehmen, hinter der
Frage „Wie fliegen Sie?“ verberge sich eine tiefe verbale
Verbeugung der polnischen Sprache vor dem Schriftsteller Stanislaw
Lem. Schließlich ging es in vielen Ihrer Bücher ums Fliegen
und um hochfliegende Gedanken.
Lem: Nein, wo denken
Sie hin. Es gibt ja die Theorie, dass alle Sprachen sich in der
Tiefe sehr ähnlich sind. Wahrscheinlich geht dies auf unsere
Körperlichkeit zurück. So gibt es auch im Polnischen Begriffe,
die zuerst den Körper als Referenz haben. Nehmen Sie ein solch
körperliches Wort wie das deutsche „begreifen“.
Das entsprechende polnische Wort bedeutet nicht nur begreifen, sondern
wörtlich „umklammern“. Im Polnischen ist das „Begreifen“
mehr als ein rein oberflächliches Berühren des Erfassten,
es ist vielmehr ein Assimilieren des Stoffes.
Dort, wo der Deutsche nur greift, nimmt sich der Pole es sich ganz
und gar. Aber ich bitte Sie sehr, daraus keine kriminologischen
Rückschlüsse zu ziehen.
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Whimhurst Maschine |
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Haben
Sie eine Idee, wie die menschliche Sprache entstanden sein könnte?
Lem: Wahrscheinlich
ist die Sprache zuerst als Körpersprache entstanden. Körpersprache
kann sehr spannend sein. Ich bin nun seit mehr als 50 Jahren verheiratet
und manchmal, wenn ich etwas sagen will und noch nicht einmal den
Mund geöffnet habe, sagt meine Frau bereits das, was ich sagen
wollte. Sie scheint es aus meinem Ausdruck heraus zu lesen. Sprache
könnte also als Körpersprache begonnen haben. Das Erkennen,
was der Andere empfindet, dieses emphatische Nachempfinden wäre
dann der nächste Schritt.
Wenn ich jedoch an Finnisch und Ungarisch denke, so habe ich den
Verdacht, unsere Sprache könnte auch von Wesen eines anderen
Planeten abstammen.
Kommen wir zur Sprache der Literatur
und Wissenschaft. Sie haben im Laufe der Jahre einen zunehmend kritischen
Blick auf darauf geworfen. Auch mit sich selbst sind Sie immer kritischer
umgegangen. Wie kam es dazu?
Lem: Nein,
ich war schon immer sehr kritisch, auch was mich selbst betrifft.
Es kam einfach die Zeit, in der ich immer weniger von den Ideen
hielt, die mir in den Kopf kamen, um sie als literarisch oder wissenschaftlich
verwertbaren Stoff auszuprobieren.
Irgendwelche amerikanischen Universitäten baten mich, bitte
schicken Sie uns alle ihre Aufzeichnungen. Sie wollten meine Gedankengänge
nachvollziehen und rekonstruieren, wie meine Romane entstanden sind.
Aber ich konnte ihnen nichts zuschicken, da ich alles sofort vernichte.
Nur das reine Werk bleibt stehen, wie bei einem Bildhauer. Wer möchte
schon den Abfall und Schutt.
Ich möchte immer all die Gerüste und Rampen meiner geistigen
Pyramiden abbauen, damit nur das stehen bleibt, dessen ich mich
nicht zu schämen brauche.
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Lems Whimhurst Maschine |
Auch
die Sprache der Philosophie wurde nicht von Ihrer Kritik verschont.
Lem: Schauen Sie,
ich bin zum Philosophieren geboren worden in eine Zeit, in der es
nicht mehr möglich war, im Reich der Philosophie umfassende
Systeme zu errichten. Das Reich der Philosophie ist durch die Invasion
der Wissenschaft zerfallen, so dass die Philosophen nicht mehr als
souveräne Schöpfer eines Weltbildes in Erscheinung treten
können.
Alle modernen Komplikationen kommen daher, dass unsere Sprache nicht
eindeutig ist. So hat Derrida mit seinem Dekonstruktivismus versucht
zu beweisen, dass es unmöglich ist, aus einem Satz nur einen
einzigen Sinn herauszulesen.
Er hat dabei allerdings übersehen, dass man dieses Verfahren
auch gegen ihn selbst anwenden kann. Auch Derrida ist somit immer
mehrdeutig, und auf ihn selbst bezogen redet er in sofern blanken
Unsinn. Ich mochte den Kerl überhaupt nicht.
Mich bewegen andere Dinge. Exakte Dinge. Mich bewegen seit jeher
Fragen der kausalen Ursachen des Lebens, des Bewusstseins und des
Todes, Fragen nach den Grenzen dessen, was wir zu tun vermögen
und nach der Formbarkeit der Intelligenz.
Was meinen Sie damit - Formbarkeit der Intelligenz?
Lem: Zunächst
einmal ist zu fragen „Was ist Intelligenz?“ Ein amerikanischer
Radioastronom mit Tunnelblick sagte einmal, Intelligenz bedeute,
ein Radioteleskop bauen zu können.
Definitionen erfolgen immer im Kontext der jeweiligen Zivilisationen
und bestimmter Zeiten.
So werden Chinesen etwas anderes unter Intelligenz verstehen als
Amerikaner.
Man sollte bei all den psychometrischen Messungen und Distributionskurven
nicht vergessen: Intelligenz beruht immer auch auf der Fähigkeit,
in verschiedenen Sinnesmodalitäten extrapolieren zu können
– also beweglich zu sein. Es ist adaptives Verhalten.
Der von mir sehr geschätzte Douglas R.Hofstaedter hat sich
übrigens entsetzlich bemüht, Intelligenz zu definieren.
In seinem schönen Buch Fluid Concepts and Creative Analogies
sind über 40 Versuche enthalten, Intelligenz zu definieren,
leider sind es alles missratene Versuche.
Intelligent zu sein ist scheinbar einfacher als über Intelligenz
zu reden.
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Sind Schach spielende Computer intelligent?Sind
Schach spielende Computer intelligent?
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Lem:
Vorsicht! Es ist bekannt,
dass es sogar phänomenal menschliche Rechenkünstler gab,
die aber im Grunde genommen blöd waren. Eine Unterabteilung
ihres Hirns arbeitete so schnell wie ein Computer. Doch bei einem
solch hoch spezialisierten Menschen habe ich bereits Schwierigkeiten,
ihn intelligent zu nennen. Der Mensch an sich ist kein spezialisiertes
Wesen. Unsere Intelligenz ist eine allgemeine und formbare Intelligenz.
Maschinen können eine solche Intelligenz nicht annähernd
erreichen. Sie besitzen nur einen hoch spezialisierten Aspekt von
Intelligenz.
Vielleicht haben sie von Joseph Weizenbaums Programm ELIZA gehört,
das ist eine Art Software-Therapeut. Dieses Computerprogramm war
so gut gemacht, dass Weizenbaums Sekretärin, die dieses Programm
ausprobiert hatte bat: bitte lassen sie mich mit dem Computer allein,
das Gespräch wird jetzt sehr intim. Programme können also
bereits gut imitieren, aber es steckt nicht wirklich etwas dahinter.
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Sie
sprachen vorhin vom hoch spezialisierten Idioten. Ist Intelligenz
also etwas Ganzheitliches?
Lem:
Aber sicher. Es gibt allerdings viele Arten von intelligentem Verhalten.
Nehmen Sie z.B. die Hunde, die haben eine völlig andere Weltanschauung
als wir, denn sie sind Riecher. Der Ausschnitt ihrer Wahrnehmung
ist ein anderer. Wir Menschen hingegen sind optische Wesen, wir
leben eher in unserer Raumvorstellung. Menschliche Intelligenz ist
ohne Körper nicht vorstellbar. Intelligenz ist von vielen Faktoren
abhängig, letztlich sogar von der Gravitation. Wesen auf anderen
Planeten werden alleine aufgrund einer anderen Gravitation eine
andere Intelligenz herausgebildet haben.
Der amerikanische Neurologe Howard Gardner
unterscheidet acht Arten der Intelligenz. Ist Intelligenz mittlerweile
zu einem inflationären Begriff geworden?
Lem: Sicherlich, denn man
nennt heute auch schon Thermostate intelligent oder die Unmengen
an Küchenmaschinen. Vor kurzem habe ich im Spiegel über
einen intelligenten Staubsauger gelesen. Der Staubsauger sendet
ein Radiosignal aus wenn er kaputt ist und der Produzent weiß
anhand einer Liste möglicher Havarien, was dort geschehen ist
und wie man es beheben kann. Das ist um Gottes Willen keine Intelligenz,
aber es wird so genannt.
Auch meine Hosenträger sind intelligent, in dem Sinne, das
man sie regulieren kann. Sie besitzen ein adaptives Verhalten. Wäre
ich zwei Meter groß, könnte ich dennoch die selben Hosenträger
tragen. Alles ist jetzt intelligent.
Wissen Sie, es macht Sinn dass unsere Hirne eine unglaubliche Plastizität
besitzen. Sie sind anfangs nicht sehr ausprogrammiert, könnte
man sagen. Aber jetzt, wo ich weiß, dass tagtäglich rund
100.000 Neuronen in meinem Gehirn unwiderruflich absterben, staune
ich umso mehr, dass dieses plastische System namens Gehirn meine
Ausfälle so erstaunlich gut kompensieren kann.
Heutige Forscher der künstlichen
Intelligenz haben den Begriff „Embodyment“ geprägt.
Intelligenz sei letztlich ohne erkennenden Körper nicht denkbar.
Lem: Aber
das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Sehen Sie, wenn jemand
am Telefon spricht, so können Sie, wenn Sie genau hinhören,
seine Körpersprache heraushören. Der Mensch sprich ja
nicht nur mit dem Mund, sondern mit seinem ganzen Körper. Die
Bewegungen spielen wie eine Art Orchester im Körper zusammen.
Wie sollte eine Maschine das je leisten?
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Sind
Roboter mit integrierter künstlicher Intelligenz denkbar und
machbar?
Lem: Ich
habe Geschichten über Roboter geschrieben. Ziehen Sie aber
bitte hier keine falschen Schlüsse. Das war reine „licencia
poetica“, „licencia fantastica“. Die Japaner haben
jetzt „intelligente“ keramische Hunde gebaut. Doch das
ist idiotisch. Ich würde mir sowas nie anschaffen. Dieser kleine
Roboter namens ASIMO kann sogar ein paar Worte sprechen. Doch das
Entscheidende ist: Er versteht rein gar nichts! Und was sehen wir,
wenn wir hinter den Vorhang schauen? Um Gottes Willen, da sind ja
nur Grammophone.
Mittlerweile ist eine enorme Bibliothek über die vergeblichen
Versuche, AI zu erzeugen, entstanden.
Der Mensch sollte sich besser bemühen, selber intelligent zu
werden. Über das Weltall wissen wir weit mehr, als über
das, was in unserem Schädel steckt.
Der Mensch und seine Intelligenz ist ein eigenes Thema. Die Steigerung
der technischen Leistung geht paradoxerweise mit einem Verfall der
Phantasie und Intelligenz der Menschen einher.
Was hilft es uns beispielsweise, dass wir wissen, wie wir Überfluss
herstellen können, wenn wir keine Ahnung haben, wie wir uns
seiner entledigen.
Es wird also niemals intelligente
Roboter wie in ihren Geschichten der „Robotermärchen“
geben?
Lem: Roboter
werden den Turing Test niemals bestehen. Das scheitert doch schon
an den allerkleinsten Dingen. Sie können einer Maschine Intelligenz
nicht einfach einhämmern. Unsere Intelligenz hat sich entwickelt,
die hat uns keiner hineingehämmert.
Nehmen wir einen einfachen Begriff wie Tür. Ihnen als Mensch
werden im Laufe ihres Lebens eine Menge Türen begegnet sein.
Auch haben sie die unterschiedlichsten Türklinken und Drehknaufe
schon einmal in der Hand gehabt. Sie wissen wie eine Drehtür
und eine Schiebetür funktioniert, sie kennen Garagentore, die
ja im weitesten Sinne auch zu den Türen gehören und aus
Westernfilmen sind ihnen vielleicht diese seltsamen Schwungtüren
bekannt, durch die der Cowboy in den Saloon eintritt.
So – und jetzt versuchen sie einmal all diese Arten einer
Tür in Algorithmen zu verwandeln, die ein Roboter begreifen
kann.
Der ist doch so blöd und erkennt die Haustür schon nicht
mehr, wenn sie mit Kreide ein paar Zahlen darauf malen. Das passt
nicht mehr in sein Bild von einer Tür. Wie soll ein Elektronenhirn
jemals begreifen können, was eine Drehtüre ist? Der wird
doch schon beim kleinsten Dreh auf seine Blechnase fallen.
Eine Tür bleibt für uns Menschen immer eine Tür.
Ob sie mit Kreide Quadrate oder kleine grüne Männchen
darauf zeichnen.
Welchen Rat würden sie Roboterforschern
dann geben, die immer noch von intelligenten Maschinen träumen?
Lem: Wenn
man einen intelligenten Roboter bauen wollte, der sich mit menschlicher
Intelligenz messen möchte, müsste man versuchen die Evolution
zu imitieren. Die Evolution ist ein sehr tüchtiger Konstrukteur.
Zuerst müsste man einen kleinen Roboter konstruieren, der aus
sich heraus Tausende von klugen und dummen Fragen stellt, der Tausende
von Dingen dieser Welt betasten würde. Er müsste diese
Sachen beschmecken, fühlen, riechen, sehen und hören können.
Er müsste erfahren, was diese Dinge tun, wenn man sie auf den
Boden schmeisst. Und er müsste an den Aufgaben wachsen. Sein
Körper natürlich auch.
Er müsste eine Vielzahl von Erfahrungen sammeln: heiße
Herdplatten anfassen, einmal mit einem Stuhl umkippen, er müsste
mit Wut und Schmerz konfrontiert werden. Denn schließlich
sind wir Menschen auch aus Schaden klug geworden. Aber wieso sollten
wir eine solche Maschine bauen? Es gibt sie doch bereits! Das sind
wir selbst! „Warum sollte man einen kletternden, schwimmenden
und laufenden Roboter mit unserem Verstand bauen wollen, wo es uns
doch schon gibt?“
Marvin Minski behauptet, dass die menschliche Intelligenz aus der
Integration zahlreicher nicht intelligenter Bausteine im Gehirn
entsteht. Das ist blanker Unsinn. Ja, warum gelingt es Herrn Minski
dann nicht, einen solchen nicht intelligenten Baustein nachzubauen,
wie z.B. eine dumme menschliche Zelle, eine blöde Synapse oder
ein dämliches Neuron? „Hätte ein Hans Moravec, Marvin
Minski oder Rodney Brooks meine Gedanken zum Thema „Künstliche
Intelligenz“ gekannt, so hätten sie sich vielleicht viel
Arbeit ersparen können. Denn um einen intelligenten Roboter
zu bauen,“ so Lem „müsste dieser erleben und begreifen
können. Dazu benötigt er einen Körper, der ebenso
mit dieser Erfahrungswelt wächst, wie der menschliche Körper.“
Der reine Geist in einem humanoiden Roboter ist und bleibt ein Hirngespinst.
Genauso wie die von „dummer Science Fiction“ heraufbeschworene
„Machtergreifung intelligenter Roboter. Das einzige, was wir
erleben werden, ist ein blutloser Konflikt weil die Früchte
unseres eigenen Verstandes die arbeitenden Menschen überflüssig
machen werden, da sich die Kosten der Investitionen in Roboter kontinuierlich
verringern werden.“
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Erzählen
Sie bitte etwas über den Prozess des Schreibens. Wie entstanden
Ihre Bücher?
Lem: Ich
bin ein Motoriker. Wenn ich mir beim Schreiben etwas Schwieriges
vorstellen soll, so habe ich ungewollte Bewegungen mit den Händen
gemacht. Man glaubte mir nicht, dass ich mir rein gar nichts räumlich
vorstellen kann. Schon gar nicht einen Weltenraum in einem phantastischen
Roman. Man fragte mich: Wie sehen Sie diesen Raum, diesen Planeten?
Ich antwortete: Ich habe nichts gesehen, ich habe das nur gespürt.
Es ist unglaublich. Aber so ist es. Ich habe alles nur gespürt.
Nichts habe ich gesehen. Die Sprache alleine diente mir als Baumaterial.
Und wie steuern Sie das? Antwort: Nun, ich mache bestimmte Bewegungen
mit meinen Händen. Sie müssen sich als Schriftsteller
selber gut zuhören können und natürlich auch den
anderen Menschen, darauf können sie dann bauen.
Doch woher nahmen Sie Ihre Vorstellungen?
Lem: Mein
Schreiben war ein Automatismus. Versuch und Irrtum. Was ich alles
weggeworfen habe, du meine Güte. Das Schreiben ist doch nur
die Spitze des Eisberges, das, was aus dem Wasser ragt. Der neunmal
größere Anteil, das Unterbewusste unter Wasser, ist das,
wovon man als Schriftsteller lebt.
Manche Autoren können ja einen Gedanken aus dem Kopf kratzen,
ich hingegen rolle nur meine Finger und erreiche eigenartigerweise
das Gleiche. Ich habe mich immer gegen die Vermutung gewehrt, ich
sähe literarische Landschaften. Ich habe sie nur in Worten
durchwandert.
Verfolgen Ihre Stoffe Sie
bis in den Schlaf?
Lem: Um
Gottes willen, nein. Nachts schlafe ich einfach. Doch zu meiner
Frau sagte ich einmal: Manchmal habe ich einen interessanten Traum,
von dem ich vielleicht etwas für mein Schreiben ableiten könnte.
Leider bin ich viel zu faul, um mitten in der Nacht aufzustehen.
Daraufhin hat mir meine Frau ein kleines Tonbandgerät geschenkt
und sagte: Dieses Gerät kann auch im Dunkeln aufnehmen und
wenn du anfängst zu reden, schaltet es sich automatisch ein.
Aber ich habe niemals ein Wort darauf gesprochen, warum auch? Wenn
ich aufwache, drehe ich mich auf die andere Seite und schlafe wieder
ein. Das ist doch viel einfacher, als in der tiefen Nacht in die
Dunkelheit zu sprechen.
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Haben Sie keine
Angst vor dem Vergessen?
Lem: Aber natürlich,
des morgens sage ich mir, ich hatte einen interessanten Einfall
und habe ihn total vergessen. Ich ärgere mich aber nicht darüber.
Denn ich bin skeptisch, ob das lohnend gewesen wäre. Es kommt
ja manchmal vor, dass man glaubt, im Traum eine wunderbare Entdeckung
gemacht zu haben. Und dann, wenn man aufsteht, stellt man fest:
was für ein Unsinn.
So erinnere ich mich noch sehr genau daran, was ich unter dem Einfluss
von Psylozibin halluziniert habe. Ich sehe die Farben, das Schema
des eigenen Körpers, meine Beine, die plötzlich enorm
verlängert erschienen. Aber ich empfand das alles nicht so
interessant, um es zu wiederholen. Es ist für mich unangenehm,
dass irgendeine Substanz meine Gedankenwelt steuert.
Sie sagten einmal, die Frankfurter
Buchmesse sei wie ein verstopftes Klo voller Papier. Was meinten
Sie damit?
Lem: Ich bin jetzt in einem
Alter, wo ich begreife, man kann noch nicht einmal ein Tausendstel
der wichtigsten Bücher selber lesen. Im alten Griechenland
konnte ein Mensch noch fast all das in sein Hirn hinein packen,
was die Menschheit bis dahin erfunden hatte. Jetzt geht das nicht
mehr. Wir können uns nur ein paar Tropfen aus dem Informationsozean
zu eigen machen. Alles andere ist unmenschlich. Es gibt einfach
zu viele dumme Bücher und Autoren, aber wie wollen Sie das
ändern.
Ich versuche nur qualitativ hochwertige geistige Nahrung aufzunehmen.
Vor kurzem habe ich fünf Wissenschaftsmagazine neu abonniert.
Aber eigentlich kann ich all diese Informationen nicht mehr verdauen.
Deshalb musste ich leider das Abonnement der Science beenden. Die
ist ja so dick und ich bekomme Informations-Verstopfung davon.
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Haben
Sie denn keinen Vorkoster, jemanden, der die vielen Informationen
für Sie aufbereitet?
Lem: Natürlich habe
ich einen Vorkoster. Zuerst einmal habe ich einen Sekretär,
dann habe ich meinen Sohn, der hat theoretische Physik in Princeton
studiert. Er ist für den englischsprachigen Raum zuständig.
Ich habe nicht nur ein Netzwerk von Informationsbeschaffern. Was
heute noch viel wichtiger ist: Alle diese Personen fungieren auch
als Filter gegen Informationsunrat.
Hier hinter Ihnen steht ein Perpetuum mobile.
Was hat es damit auf sich?
Lem: Das Perpetuum mobile
bekam ich von meinem Sekretär geschenkt. Es besitzt eine kleine
Trockenzelle und von Zeit zu Zeit muss man diese Trockenzelle erneuern.
Ich bin sehr abergläubisch. Solange das Perpetuum mobile sich
bewegt, werde ich leben. So einfach ist das. Mein Sekretär
wird also nachts heimlich die Zellen austauschen. Ich habe noch
einen riesigen Vorrat an Trockenzellen im Schrank, also machen Sie
sich um mich bitte keine Sorgen.
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Lems Haus in Krakau-Kliny
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Dieses Interview
ist in Auszügen auch im Magazin ZeitWissen unter dem Titel Auch
Hosenträger sind intelligent
veröffentlicht worden.
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