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Im Ramschladen der Phantasie


 
Stanislaw Lem
   

Stanislaw Lem, Jahrgang 1921, studierte Medizin, beschäftigte sich aber gleichzeitig mit Problemen der Physik, Kybernetik, Mathematik und Philosophie. Er ist Gründer der polnischen astronautischen Gesellschaft und arbeitete als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie. Zudem war Lem als Übersetzer, Monteur und Autoschlosser tätig bevor seine Science-Fiction Romane ihm einen weltweiten Erfolg bescherten. Lem wohnt mit seiner Frau Barbara, einer Radiologin, in der Nähe von Krakau.

Obwohl Lem in vielen seiner Bücher zukünftige Entwicklungen wie die Gentechnik, die Nanotechnologie oder den bargeldlosen Zahlungsverkehr vorhergesagt hatte, entscheidet er sich ab 1987 keine Belletristik mehr zu schreiben. Man könne „den Weg der Menschheit nicht dadurch verbessern, dass man nur über Prognosen schreibe“, konstatiert er. Seitdem hat sich der erfolgreichste Science fiction-Autor der Gegenwart entschlossen, über seine theoretische Arbeit hinaus, Konzepte zu entwickeln, die über die Literatur hinausreichen und sinnvolle praktische Lösungen anbieten.





Zweites Interview mit Stanislaw Lem in Krakau

 

Es geht das Gerücht um, sie seine in ihrem früheren Metier der Science Fiction nicht recht glücklich gewesen. Wie konnte es dann überhaupt zu einem Science Fiction Autor Stanislaw Lem kommen?

Lem: Schauen Sie, Ich habe unter schlechter Science Fiction gelitten wie ein Hund. Das ist nur allzu wahr.
Ich habe mich lange genug zum Narren gemacht. Die Zuneigung die ich dem gefallenen Mädchen Science Fiction entgegengebracht habe, ist nur zu vergleichen mit der Dummheit sich in eine schöne Frau zu vergucken, um dann festzustellen, dass sie unter voranschreitender Zahnfäule leidet.

Herr Lem, Sie sagten einmal, Sie hätten sich im Ramschladen der Science-Fiction niedergelassen, weil Sie die Bezeichnung früher wörtlich genommen haben: schöpferische Freiheit und wissenschaftliche Strenge in einem. Liegen fiktionale Fantasie und harte Weltraumwirklichkeit in Wahrheit nicht Lichtjahre auseinander?

Lem: Das ist absolut wahr. Das fängt ja bereits mit den menschlichsten Vorgängen an, die uns hier unten auf der Erde keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Die größten Probleme hatten die Astronauten immer mit dem Stuhlgang. Die Russen haben eine Art Sauggerät erfunden, um das Problem zu lösen. Aber manchmal war der Saugmechanismus einfach verstopft.
Über all diese Probleme hört man natürlich auch heute nicht viel. Es menschelt im Weltall ebenso sehr wie auf der Erde. Egal in welchen Raum sich der Mensch begibt, er nimmt sich immer selber mit und zuerst einmal wird ihm von der Fliegerei im Weltall einfach nur schlecht. Seine inneren Verrechnungssysteme spielen verrückt.

 
   

Die amerikanischen Astronauten sprachen in den Siebzigern von ihrem Raumschiff als vomit comet, weil sie sich andauernd übergeben mussten.

Lem:
Der Mensch eignet sich im Grunde überhaupt nicht für das All. Die Muskeln verkümmern. Ich habe im Film gesehen, wie ein Russe nach 280 Tagen im All vollkommen gelähmt war, man musste ihn aus der Raumkapsel tragen. Das ist mehr als peinlich.Der Mensch eignet sich im Grunde überhaupt nicht für das All. Die Muskeln verkümmern. Ich habe im Film gesehen, wie ein Russe nach 280 Tagen im All vollkommen gelähmt war, man musste ihn aus der Raumkapsel tragen. Das ist mehr als peinlich.

Wurde die sogenannte Raumkrankheit von den sowjetischen Behörden und der amerikanischen Nasa in den sechziger Jahren bagatellisiert?

Lem:
Aber natürlich hat man das verharmlost. Sehen sie, als 1961 der russische Kosmonaut German Titow als erster Raumfahrer die Erde umrundete, da war er erst 25 Jahre alt. Man fragte ihn, woran er während seines Weltraumfluges gedacht habe und er antwortete den russischen Journalisten: „An meinen Körper, die meiste Zeit nur an meinen Körper.“ Kein Wunder, daß Titow dauernd an seinen Körper dachte, denn er war einer der ersten Weltraumfahrer, der ziemlich drastisch erfuhr, was man später „Raumkrankheit“ nannte. Ich vermute, dass ähnliche körperliche Probleme auch amerikanischen Astronauten bekannt waren.
Gegen die Raumkrankheit halfen auch die Kontrollen der amerikanischen Ärzte wenig. Selbst ihr rektal eingeführtes Thermometer, mit dem man die Körpertemperatur der Astronauten gemessen hat, nützte den Amerikanern recht wenig.
Was wirklich mit den Kosmo- und Astronauten geschah, konnten sich die Ärzte damals überhaupt noch nicht vorstellen.
So weiß der Herzmuskel eines Astronauten doch überhaupt nichts davon, dass er sich im Weltall befindet. Also arbeitet er tüchtig weiter, wie unter Bedingungen der Schwerkraft. Das bedeutet, das Herz pumpt das Blut weiter hoch in den Kopf. Dem armen Raumfahrer schwellen die Kopfvenen an. Also ich möchte diese Kopfschmerzen nicht haben.


Amerika, Russland und China haben neue ehrgeizige Pläne, was die geplanten Missionen zum Mars betrifft. Was denken Sie darüber?Amerika, Russland und China haben neue ehrgeizige Pläne, was die geplanten Missionen zum Mars betrifft. Was denken Sie darüber?

Lem: Diese ganze Mär von den Marsflügen. Der Mars hat doch kein magnetisches Feld wie die Erde. Der Sonnenwind schlägt dort mit voller Kraft nieder. Das ist ja schrecklicher als ein Gulag. Man kann hier einfach nur noch von Folter oder von Krepieren sprechen.
Der Mars ist ein Kadaverplanet. Das ist meine Bezeichnung für einen, im wörtlichen Sinne, toten Planeten. Seit über 2 Milliarden Jahren gibt es dort keine Luft mehr zum Atmen. Es gibt dort praktisch nur CO² Athmosphäre. Was wollen die Menschen persönlich dort? Sollen sie doch Roboter oder Maschinen hinschicken. Aber Gott sei dank gibt es für Flüge zum Mars kein Geld. Ein Marsflug würde Milliarden kosten. Und das Geld hat man dann nicht für die Dinge, die man dringend hier unten auf unserer Erde machen müsste.

Ist denn wenigstens der so genannte Weltraumspaziergang ein Spaß?

Lem: Unsinn. Wir sind irdische Wesen und ausserhalb der Erde sind wir halbe Krüppel. Weltraumspaziergang hört sich nur von der Wortbedeutung her nett an. Doch schon die Mondlandung war hier unten sehr schwer nachzuahmen. Die sind da herumgehüpft wie die Frösche. Als Erlebnis mag das ja interessant sein, aber wer möchte sowas schon tagelang machen, geschweige denn, sein ganzes Leben lang? Der Mensch macht sich hier falsche Hoffnungen und Illusionen.Unsinn. Wir sind irdische Wesen und ausserhalb der Erde sind wir halbe Krüppel. Weltraumspaziergang hört sich nur von der Wortbedeutung her nett an. Doch schon die Mondlandung war hier unten sehr schwer nachzuahmen. Die sind da herumgehüpft wie die Frösche. Als Erlebnis mag das ja interessant sein, aber wer möchte sowas schon tagelang machen, geschweige denn, sein ganzes Leben lang? Der Mensch macht sich hier falsche Hoffnungen und Illusionen
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Macht einem Astronauten dort oben nicht auch die Feinmotorik zu schaffen?

Lem:
Ein interessanter Aspekt. Ich hatte vor drei Jahren eine Operation des Karpaltunnels. Es erfolgte eine Dilatation, eine Erweiterung für die Nerven am Handgelenk. Die Ärzte haben mich gewarnt, den Arm einen Tag lang nicht zu bewegen, da ich mir anderenfalls die Zähne ausschlagen würde. Doch leider habe ich nicht auf den ärztlichen Ratschlag gehört und habe eine genaue Punktlandung in mein Gesicht vollbracht. Die Anästhesie des Nervus Brachialis war noch akut vorhanden. Damit war eine Feinmotorik unmöglich.
Die armen Astronauten haben ja am Anfang mit ähnlichen Dingen zu kämpfen. Die Verrechnung einer Bewegung bezieht die Gravitation immer mit ein. Und so hauen sich Astronauten anfangs ständig auf die Nase wie die Tölpel.
Ein interessanter Aspekt. Ich hatte vor drei Jahren eine Operation des Karpaltunnels. Es erfolgte eine Dilatation, eine Erweiterung für die Nerven am Handgelenk. Die Ärzte haben mich gewarnt, den Arm einen Tag lang nicht zu bewegen, da ich mir anderenfalls die Zähne ausschlagen würde. Doch leider habe ich nicht auf den ärztlichen Ratschlag gehört und habe eine genaue Punktlandung in mein Gesicht vollbracht. Die Anästhesie des Nervus Brachialis war noch akut vorhanden. Damit war eine Feinmotorik unmöglich.
Die armen Astronauten haben ja am Anfang mit ähnlichen Dingen zu kämpfen. Die Verrechnung einer Bewegung bezieht die Gravitation immer mit ein. Und so hauen sich Astronauten anfangs ständig auf die Nase wie die Tölpel.

Sie haben Raumflüge als einen Aufenthalt im Gefängnis bezeichnet.

Lem: Aber natürlich, das ist ein Kerker. Aber einer, aus dem der arme Delinquent noch nicht einmal entfliehen kann. Der Mensch macht sich gerne ein idealistisches Bild vom All. Nehmen Sie doch nur einmal die gravitätisch daherschreitende Besatzung des Raumschiffs Enterprise. Auf Dauer ist es falsch, mit idealistischen Bildern konfrontiert zu werden. Das schadet letztlich der Forschung.
Ich bin unschuldig an dem Schwachsinn, der dort gedreht und gezeigt wird, auch an dem was sie aus meinem Filmstoff Solaris gemacht haben.
Ich habe meine Verfilmungsrechte verkauft – heute darf ich noch nicht einmal eine Silbe des Filmstoffes verändern. Ich habe letztlich das Geld bekommen, um mein Maul zu halten!
Ich habe von der Neuverfilmung von „Solaris“ nur die Kritiken in der europäischen und amerikanischen Presse gelesen, das genügt mir schon vollkommen. Sie haben mir große Animationen versprochen – doch soweit ich weiß ist nichts daraus geworden.


Besteht denn wenigstens eine klein wenig Aussicht auf ausserirdisches Leben?Besteht denn wenigstens eine klein wenig Aussicht auf ausserirdisches Leben?

Lem:
Schauen sie, dieses Buch hier ist in der letzten Zeit meine Bibel:

(Er nimmt ein Buch in die Hand: „Rare Earth – Why complex life is uncommon in the universe? von Peter Douglas Ward und Donald Brownlee“, 2000, mit Widmung „to Stanislaw und Tomasz Lem.“)

Die Autoren behaupten, dass es eine sehr lange Kette glücklicher Zufälle braucht, um intelligentes Leben zu erzeugen.
Eines ist sicher: Lebensformen wie Bakterien wird es im Weltall öfters geben, aber mehrzellige intelligente Wesen, wie wir es gerne sein würden, werden sehr selten vorkommen.
Vielleicht sind wir ja doch ganz allein in der Welt. So viele Faktoren müssen hier zusammenkommen, damit Leben entsteht: sie brauchen einen richtigen Abstand zu ihrer Sonne, sie brauchen Wasser, einen Mond, sie brauchen ein magnetisches Feld, eine stabile Rotationsachse, eine konstante Rotation, sie brauchen einen großen Beschützer wie den Planeten Jupiter, der ihnen die großen umherfliegenden Brocken vom Leib hält – also wenn ich mir so zuhöre, eigentlich dürfte es mich hier gar nicht geben.

Wie stehen Sie heute zum Illusionstheater, dem Kino? Wird es dem Menschen eines Tages gelingen, die perfekte Illusion zu erschaffen?

Lem: Lem: Propriozeptive Illusionen wird man niemals schaffen können. Auch die artifizielle Intelligenz steht vor dieser Körperlichkeits-Problematik. Es gibt kein reines Denken, unser Denken bleibt senso-motorisch und an die Grundlagen unserer Erkenntnis gebunden, also an Raum, Gravitation usw.
Unsere Gelenke und Muskeln speisen über die Afferenzen so viel an Informationen über Stellung und Spannung in unser Gehirn ein, wie sollte man das jemals imitieren?


Aber Sie haben die perfekte Illusion, ein zukünftiges Kino, das Sie "Real" nannten, in einem ihrer Romane vorweggenommen.

Lem:
Falls es dem Menschen doch einmal gelingen sollte, ein perfektes Illusionstheater herzustellen, also ein Real-Kino, so schwindet mein Optimismus, was die Inhalte der gebotenen Filme anbelangt. Der Mensch wird seine jetzige Aggressionswelt nur in potenzierter Form abbilden und spiegeln.
Wir werden dann schreckliche Dinge zu sehen und hören bekommen. Es wird ein Inferno für unsere Psyche sein. Sie können dann jemanden, wenn sie wollen, für zwei Euro ermorden.


Woher kommt diese Sehnsucht nach Illusionen beim Menschen? Es scheint so, als ob Jugendliche lieber um virtuelle Bäume am Monitor rasen, als im Wald spazieren zu gehen.

Lem:
Ich weiß es nicht. Früher gab es schon diese Circumramas. Man stand mitten im Filmgeschehen, um einen die gekrümmte Leinwand. Dann raste man durch eine Stadt und einem wurde schwindelig und schlecht. Die Menschen mögen sowas. Warum auch nicht. Wesentlich gefährlicher sind schließlich die realen Geisterfahrer.
Die Sehnsucht vieler Menschen nach Illusionen ist übrigens auch eng mit dem Thema Drogen verbunden. Ich nahm vor dreißig Jahren unter ärztlicher Kontrolle an Experimenten mit „Psilozibin“ teil. Ich glaube es war 1 Mikrogramm und ich sollte den Ärzten etwas über meine Halluzinationen erzählen, das war hier in Polen. Man nahm damals alles auf Band auf, doch ich steckte so tief in meinen Halluzinationen, das ich keine Lust hatte darüber zu reden. Es ist auch unwichtig. Was ich gesehen habe, habe ich erlebt. Ein paar Monate später wurde mir vorgeschlagen, ich sollte das noch einmal wiederholen. Doch ich wollte nicht. Ich brauche keine Narkotika.
Es kam auch einmal ein Team von Filmleuten aus Jugoslawien zu mir, etwa vor 25 Jahren, die boten mir Mariuanazigaretten an, ich habe den Inhalt in ein Glas gefüllt. Lange Zeit diente es mir als Staubfänger.
Warum die Menschen Illusionen mehr lieben als die Realität, bleibt mir ein Rätsel.




 

 
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Dieses Interview ist in Auszügen auch im Magazin ZeitWissen unter dem Titel Im Ramschladen der Phantasie veröffentlicht worden.

 

 

 

 

 

 
     

 


 

 
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