|
|
|
Die
Kammern der Erinnerung

|
|
Brenda Milner
|
| |
|
Das Neurologische Institut der
McGill Universität in Montreal erinnert ein wenig an eine
mittelalterliche Festung. Es steht als einziges Gebäude auf
einem Hügel und überragt die anderen Gebäude des
Campus so, als müsste es auf seine „herausragende Stellung“
noch einmal mit Nachdruck hinweisen. Dabei sind schon viele Straßen,
Gebäude und Plätze nach dem berühmtesten Sohn der
Universität benannt, der an eben diesem Neurologischen Institut
geforscht und gelehrt hat. Der Neurochirurg Wilder Penfield hat
hier sein weltbekanntes Homunkulus-Modell der Körperlandkarte
erstellt, das heute noch in keinem neurologischen Lehrbuch fehlen
darf. Ihm stand damals in den 50er Jahren eine junge englische
Psychologin namens Brenda Milner zur Seite, die noch heute an
der kanadischen Universität an der Forschung und Doktoranten-Betreuung
beteiligt ist.
Gemeinsam mit Wilder Penfield
war Brenda Milner die erste, die bestimmte Formen von Lernen und
Gedächtnis, spezifischen Hirnregionen zuweisen konnte. Penfield
hatte als erster Operationen am Gehirn von epileptischen Patienten
durchgeführt, bei denen Teile des Frontal- oder Schläfenlappens
entfernt werden. Bei diesen, teilweise noch heute durchgeführten
Operationen, sind die Patienten zwar anschließend von der
Epilepsie geheilt, leiden aber unter Ausfällen ihres Langzeitgedächtnisses.
Brenda Milner konnte damals nachweisen, dass ausschließlich
das bewusste Lernen von diesen Defiziten betroffen ist, während
das motorische Gedächtnis, also die impliziten Lernformen,
von den Ausfällen nicht berührt waren. In weiteren Untersuchungen
konnte Brenda Milner zum ersten Mal nachweisen, wie Lernen und
Gedächtnis nicht auf einzelne lokale Bereiche des Gehirns
beschränkt sind, sondern ganze Gruppen von Neuronen, die
sich über weite kortikale Bereiche erstrecken, das gespeicherte
Wissen repräsentieren.
|
|
Interview
mit Brenda Milner in
Montreal
|
|
Jeder
Student der Medizin und Psychologie kennt die kleine verzerrte Menschengestalt,
die auf Abbildungen in Lehrbüchern über einem Querschnitt
der Hirnrinde liegt. Frau Milner, auch Sie haben ihren Verdienst
an diesem kleinen Zerrbild.
Milner: Sicherlich,
ich habe wesentlich an der Kartierung des Homunculus, von dem sie
sprechen mitgewirkt, aber bitte lassen sie die Verdienste bei Wilder
Penfield und Theodore Rasmussen.
Mittlerweile spricht man vom motorischen oder
sensorischen Homunkulus. Inwieweit ist die Darstellungsweise noch
aktuell?
Milner: Als wir in
den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Stimulationen am offenen
Gehirn von Epilepsiepatienten vorgenommen haben, waren wir in der
Tat erstaunt, als sich Areale in der Hirnrinde finden ließen,
die eine Repräsentation für Körperregionen darstellten.
Die Kartierung unserer ursprünglichen Areale im sensorischen
und motorischen Kortex hat sich erstaunlich lange in den Lehrbüchern
gehalten. Wie sie wissen entsteht die Verzerrung dadurch, dass die
Areale in unserer Hirnrinde nicht den Proportionen des Körpers
entsprechen, sondern sie bilden die Größe der sensorisch-motorischen
Gewichtung ab. Die Finger nehmen als Rindenareal somit einen größeren
Raum ein als der Bauch. Die Finger eines Violinisten würden
eine vergleichsweise größere Fläche abdecken als
die eines Menschen, der seine Hände nur grobmotorisch benutzt.
|
|
Neben kleinflächigen sensorischen
Bereichen wie den Beinen und dem Rumpf finden sich bekanntermaßen
großflächige sensitive Areale wie die Hände und
der Mund. In aktuellen Ausstellungen zum Körper des Menschen
streckt ein als lebensgroße Figur aufgestellter Homunculus
dem Betrachter auch schon einmal die Zunge heraus.
Milner:
Die Gebiete die unsere Zunge repräsentieren,
hatten wir ursprünglich nicht mit in unsere Gehirn-Kartierung
einbezogen. Aber sie haben Recht, die Zunge ist sensorisch derart
aktiv, dass sie einem Homunculus, der die sensorische Körperkarte
repräsentieren soll, geradezu bis auf den Boden hinab hängen
müsste.
Auch eine andere berührungsempfindliche
Region des Menschen wurde vom ihrem Team rund um Wilder Penfield
ausgespart.
Milner:
Sicherlich spielen sie auf die kleine Darstellung
der primären Geschlechtsmerkmale an. Nun, in den 50er Jahren
beherrschte auch in Kanada eine gewisse Prüderie die Wissenschaft
und ein überdimensionierter Penis hätte wahrscheinlich
die seriösen Forschungsergebnisse zu sehr in den Hintergrund
gerückt. Moderne Abbildungen gehen allerdings auch in diesen
aufgeklärten Zeiten immer noch selten auf die wahren Größenverhältnisse
des sensorischen Areals für die Geschlechtsorgane ein, wie
ich bemerken konnte.
Wieso muss der Homunculus eigentlich
ein Mann sein? Ist es schwieriger die sensorische Kartierung von
Frauen abzubilden?
Milner:
Einerseits liegt es an der Schwierigkeit der Abbildung.
Wir sprachen vorhin über die Kartierung der Hirnrindenareale
bei den Geschlechtsorganen. Sie können sich vorstellen, dass
es teilweise schwieriger ist, hier weibliche Körperlandschaften
heranzuziehen. Doch primär lag es bereits bei unseren ersten
Untersuchungen einfach daran, dass wir vorwiegend männliche
Patienten hatten. Einerseits liegt es an der Schwierigkeit der
Abbildung. Wir sprachen vorhin über die Kartierung der Hirnrindenareale
bei den Geschlechtsorganen. Sie können sich vorstellen, dass
es teilweise schwieriger ist, hier weibliche Körperlandschaften
heranzuziehen. Doch primär lag es bereits bei unseren ersten
Untersuchungen einfach daran, dass wir vorwiegend männliche
Patienten hatten.
Sie haben bahnbrechende Arbeiten im Bereich
der Gedächtnisforschung veröffentlicht. Seit wann ist
das Gedächtnis ihr wissenschaftliches Steckenpferd?
Milner:
Als wir 1958 die Verbindungen zwischen den verschiedenen
Hirnregionen erforschten und William Scoville seine Operationen
am berühmten Patienten H.M. durchführte, entdeckten
wir, dass die Patienten mit Temporallappen-Epilepsie denen wir
Teile des Frontal- und Schläfenlappens entfernt hatten, zwar
von der Epilepsie geheilt waren, aber dafür schwere Beeinträchtigungen
des Langzeitgedächtnisses aufwiesen. Mich begann zu dieser
Zeit die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses vermehrt
zu interessieren. Wieso betraf der Gedächtnisverlust unserer
Patienten immer nur aktuelle Ereignisse, während alte, vor
allem motorische Erinnerungen nicht betroffen waren. Wenn mich
mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, war es ziemlich
genau im September 1958 als mich dieses Thema zu fesseln begann.
Frau Milner, wie arbeitet
unser Gedächtnis und wie können wir es verbessern?
Milner:
Nun, sie wissen ja vielleicht,
das die Plastizität unseres Gehirns und unseres Gedächtnisses,
also seine Formbarkeit, bis ins hohe Alter hinein nachgewiesen
wurde. Es gibt hier in Kanada und den USA ein Sprichwort, wonach
auch das Gehirn nur ein Muskel sei. Also, der zweite Teil der
Frage lässt sich leicht beantworten, sie müssen ihr
Hirn benutzen, sie müssen es täglich trainieren. Ich
mache mit meinen Doktoranten hier gelegentlich Erinnerungs-Spiele
und schneide trotz meines hohen Alters gar nicht mal so schlecht
ab.
Also, wie arbeitet das Gedächtnis. Es gibt zahlreiche Methoden,
derer sich das Gehirn hier bedienen kann. Zunächst einmal
wird dort, wo es etwas im Gehirn zu speichern gilt, also an den
Synapsen, die Effizienz der Signalübertragung erhöht.
Die Neuronen, die etwas „gelernt“ haben, werden also,
in gewissem Masse „effektiver“ als die Neuronen, die
keinem Lernprozess unterlagen.
Nun, sie wissen ja vielleicht, das die Plastizität unseres
Gehirns und unseres Gedächtnisses, also seine Formbarkeit,
bis ins hohe Alter hinein nachgewiesen wurde. Es gibt hier in
Kanada und den USA ein Sprichwort, wonach auch das Gehirn nur
ein Muskel sei. Also, der zweite Teil der Frage lässt sich
leicht beantworten, sie müssen ihr Hirn benutzen, sie müssen
es täglich trainieren. Ich mache mit meinen Doktoranten hier
gelegentlich Erinnerungs-Spiele und schneide trotz meines hohen
Alters gar nicht mal so schlecht ab.
Also, wie arbeitet das Gedächtnis. Es gibt zahlreiche Methoden,
derer sich das Gehirn hier bedienen kann. Zunächst einmal
wird dort, wo es etwas im Gehirn zu speichern gilt, also an den
Synapsen, die Effizienz der Signalübertragung erhöht.
Die Neuronen, die etwas „gelernt“ haben, werden also,
in gewissem Masse „effektiver“ als die Neuronen, die
keinem Lernprozess unterlagen.
|
|
Sie
sprachen von mehreren Gedächtnis-Methoden.
Milner:
Nur Geduld. Eine weitere Methode die das Gehirn
verwendet um Wissen und Informationen abzuspeichern, wird in der
Forschung gerade heiß diskutiert. Es kommt im Gehirn bei Gedächtnisleistungen
nämlich nicht nur zu einer veränderten synaptischen Übertragung,
sondern auch zu Veränderungen der Neuronen selbst. Ihre Morphologie
verändert sich. Das ist elektronenmikroskopisch mittlerweile
nachweisbar. Das Wort Plastizität bekommt also, wie sie sehen,
einen ganz eigenen neuen Stellenwert. Wenn wir etwas lernen und
es in unser Gedächtnis einspeisen, verändern wir im wahrsten
Sinne des Wortes auch unser Gehirn.
Ihr Kollege Michael Petridis,
der ebenfalls hier an der McGill Universität unterrichtet,
spricht von einer „Tracking- und Überblickfunktion“
des bewussten Gedächtnisses. Was kann man sich darunter vorstellen?
Milner:
Ganz einfach, zählen sie doch bitte einmal so schnell sie können,
von 1 bis 10. Bitte machen sie das einmal. (Ich zähle laut,
auf Englisch von 1 bis 10, so schnell es eben geht). Gut. Nun benutzen
sie bitte die „Random-Funktion“ (Zufalls-Prinzip). Nennen
sie bitte alle Zahlen von 1 bis 10, die ihnen zufällig in den
Kopf kommen, in einer wilden Ordnung – doch lassen sie keine
Zahl aus. (Ich zähle „durcheinander“, nenne alle
Zahlen von 1 bis 10 – also etwa 7, 3, 9, 1, 4... usw). Sie
sehen, jetzt geht das Aufzählen wesentlich langsamer. Etwas
in ihrem Gehirn muss „tracken“, also kontrollieren,
ob sie die Zahl nicht schon einmal genannt haben. Unser Gehirn muss
also eine Überblicks-Funktion haben, irgendwo ist jede Information
zwischengespeichert. Wenn sie 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 herunterrattern,
dann ist das keine Leistung mehr. Sie können das wie ein Automat
machen. Wenn sie jedoch ihr Gedächtnis bewusst einschalten
müssen, und das meint Petridis, dann kostet sie das wesentlich
mehr Energie. Sie müssen die zwischengespeicherte Information,
in diesem Fall eine Zahl, regelrecht in ihrem Gehirn suchen gehen.
|
Senso-Motorischer Homunkulus |
Unser bewusstes Gedächtnis
arbeitet also mit Aufmerksamkeit?
Milner:
Wenn sie lernen, wie man Fahrrad oder Auto fährt,
so werden sie große Teile der Bewegungsinformation in ihr
implizites Gedächtnis einspeisen. Dieses Wissen wird dann
verkörpert. Es läuft zukünftig automatisch ab und
belästigt ihr Gehirn nicht unnötig. Dies ist ein ökonomisches
Prinzip der Gedächtnisleistung und eine sehr große
Hilfe für uns Menschen. Die Aufmerksamkeit, die sie erwähnten,
müssen wir nur jeweils am Anfang aufbringen, wenn wir etwas
Neues lernen. Das kostet viel Energie. In uns steckt also gleichzeitig
ein automatischer Zombie, der uns große Teile der täglichen
Gedächtnisarbeit abnimmt und ein bewusster Mensch, der die
Möglichkeit hat, völlig Neues und Unbekanntes zu lernen.
Aber hier erzähle ich ihnen nichts Neues – das ist
altbekannt.
Sie haben die Gedächtnisbildung
einmal als eine der faszinierendsten Fähigkeiten des Gehirns
bezeichnet.
Milner:
Die meisten Menschen verstehen unter dem
Gedächtnis nur die Fähigkeit des Erinnerns. Gedächtniskünstler
jedoch wissen sehr genau, Gedächtnis bedeutet in erster Linie
Ordnen, Speichern und Abrufen von Informationen. Was mich in neuester
Zeit sehr fesselt ist der Gedanke in welchem Ausmaß unser
Gedächtnis mit räumlicher Verankerung arbeitet.
Was meinen sie mit räumlicher
Verankerung?
Milner:
Jeder, der sich für Methoden interessiert,
wie man sich große Informationsmengen für längere
Zeit aneignen kann, kennt das Verankern von Begriffen im Raum.
Sie legen die Worte, die sie sich einprägen wollen, in einem
gedachten Raum ab. Am besten in einem ihnen bekannten Raum, in
dem sie sich auch gut die Strecke merken können, auf der
die einzelnen Begriffe platziert wurden. Anschließend brauchen
sie diese Strecke nur noch einmal abzugehen und die verankerten
Begriffe wieder einzusammeln. Dies scheint ein uralter tief in
uns verwurzelter Mechanismus zu sein, da sich Menschen seit ihrer
Ausbreitung über die Erde räumlich orientieren und erinnern
mussten.
Für den Menschen war es eben seit Anbeginn
der Zeit sehr wichtig, zu wissen, wo er sich befindet. Schließlich
möchte man sicher zurück nach Hause gelangen.
Milner:
Sehr richtig. Das Spannende an dieser Sache ist aber nun Folgendes:
Anscheinend funktioniert dieses Verankern von Gedächtnisinhalten
ganz anders, wenn sie sich tatsächlich im realen Raum bewegen.
Die Erinnerung an verankerte Begriffe beim Spazierengehen im vorgestellten
Raum geschieht bewusst. Mit etwas Übung kostet sie diese
Gedächtnishilfe immer weniger Energie. Es fällt ihnen
zunehmend leichter. Unser Gehirn jedoch orientierte sich seit
jeher im realen Raum und es fällt ihm dadurch sehr leicht,
für sie als Gedächtnisstütze unbewusste Inhalte
dort abzulegen, also gleichsam im Raum abzuspeichern.
|

Michael Petridis
|
Entschuldigung,
aber hier kann ich nicht ganz folgen.
Milner:
Ebenso wie Wilder Penfield neige ich im Alter zum Philosophieren,
sehen Sie es mir nach. Ich werde Ihnen ein Beispiel geben. Vielleicht
ist Ihnen ja auch schon einmal etwas Ähnliches passiert.
Als ich vor langer Zeit in einem bestimmten Stadtviertel von Montreal
spazieren ging, wanderten einige Gedanken durch meinen Kopf. Da es
eine ganze Menge waren, konnte ich mich trotz meines exzellenten Gedächtnisses
nicht mehr an jede Einzelheit erinnern als ich zu Hause ankam. Ich
schrieb also alles auf, an das ich mich noch erinnern konnte, doch
ein, wie es mir schien, sehr wichtiger Gedanke, ließ sich nirgendwo
in meinem Kopf wieder finden. Ich ließ die ganze Angelegenheit
auf sich beruhen. Es vergingen mehrere Monate. Ich hatte das Stadtviertel,
in dem ich den wichtigen Gedanken verloren hatte, sehr lange nicht
mehr besucht. Doch als ich bei einem erneuten Spaziergang nach etwa
einem halben Jahr an die gleiche Stelle kam, eine Ecke mit einem chinesischen
Restaurant, konnte ich mich schlagartig wieder an alles erinnern.
Es schoss mir regelrecht in den Kopf.
Sie glauben, man kann Erinnerungen im
wahren Raum ablegen, wie einen Gegenstand?
Milner:
Ich habe diese Erinnerung ja eben nicht bewusst in einem Raum abgelegt,
wie dies Gedächtniskünstler tun, um mich dann später
daran erinnern zu können. Mein Unterbewusstsein hat vielmehr
meine Gedanken auf eine Art und Weise mit dieser „Chinesischen
Ecke“ verknüpft und mir die „Arbeit“ des Verankerns
insofern abgenommen. Ich hatte also die Möglichkeit meine verlorenen
Gedanken an dieser Stelle wieder zu finden, da sie gleichsam dort
abgelegt waren. Sicherlich haben die meisten Menschen es schon einmal
erlebt, sie gehen vom Badezimmer ins Wohnzimmer und haben trotz eines
guten Gedächtnisses vergessen, was sie dort wollten. Also gehen
sie zurück – am besten übrigens rückwärts.
Sie spulen die Bewegungen zurück, wie in einem Film – und
sie werden die verlorenen Gedanken dann wahrscheinlich wieder finden.
|
|
| |
|
| |
|
|
|