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Neues aus dem
Neuron Valley

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Vilaynur S. Ramachandran
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So wie das riesige Arbeitszimmer
von V. S. Ramachandran an der Universität von Kalifornien,
stellt man sich wohl den Raum eines Alchemisten früherer
Tage vor. Im wohlgeordneten Chaos seiner Aservatenkammer finden
sich neben dem prähistorischen Schädel eines Säbelzahntigers,
ein Porträt von Charles Darwin, alte antike Schriften, Mikroskope
und andere historische Messinstrumente, Statuen tanzender indischer
Göttinnen, Gehirnpräparate, kleine geheimnisvolle Fläschchen
und selbst gebastelte Versuchsinstrumente. Der aus Madras in Indien
stammende Ramachandran, den alle hier nur Rama nennen, liebt die
Wissenschaft und die Wissenschaft liebt ihn.
Ramachandran ist immer für eine Überraschung gut, da
er es sich erlaubt, auch völlig „verrückte“
und querdenkerische Ansätze in der Wissenschaft zu verfolgen.
Getreu der Maxime seines indischen Lehrers, wonach man in der
Wissenschaft mit der merkwürdigsten Sache beginnen und diese
dann erforschen sollte, hat Ramachandran bereits ein ansehnliches
Kuriositätenkabinett zusammengetragen.
Vilaynur S. Ramachandran gilt
als Enfant terrible der Neurowissenschaften. Er erforschte seltene
und merkwürdige neurologische Störungen, wie das Capgras-Syndrom,
bei dem der Patient ihm nahe stehende Menschen für Hochstapler
hält oder die intensiven religiösen Erlebnisse, über
die Patienten mit einer Epilepsie des Temporallappens berichten.
Doch der Direktor des Centers for Brain and Cognition interessiert
sich nicht nur für die rätselhaften Phänomene unseres
Bewusstseins, er hat auch Lösungen und Therapien parat. Mit
einfachsten Mitteln wie Spiegeln, einem Wattebausch oder kleinen
Holzkisten gelingt ihm an der University of California, was seinen
mit Hightech aufgerüsteten Kollegen oft verwert bleibt.
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Interview
mit Vilaynur S. Ramachandran
in San Diego
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Herr
Ramachandran, die südkalifornische Pazifikküste scheint
eine ganz besondere Anziehung für Neurowissenschaftler zu haben.
Ramachandran:
Oh ja, neben mir bevölkert eine ganze Menge Stars der Szene
diese traumhafte Gegend. Unweit unserer University of California
finden Sie einige Nobelpreisträger. Ein wenig die Straße
runter und sie treffen den Mitentdecker der DNS, Herrn Francis Crick
im Salk Institute, keine Meile entfernt davon forscht Gerald Edelman
und versucht dem menschlichen Bewusstsein auf die Spur zu kommen.
Die Konzentration an Neurowissenschaftlern pro Quadratmeter ist
wohl nirgendwo so hoch wie hier in La Jolla. Anstatt von einem Silikon
Valley, können sie durchaus von einem „Neuron Valley“
sprechen.
Sie gelten nicht gerade als Anhänger
der Hightech-Forschung. Ihnen genügen oft einfachste Hilfsmittel
wie Spiegel, ein Wattebausch oder eine kleine Holzkiste um Probleme
zu lösen, an denen, mit Hightech ausgerüstete Forscher
sich die Zähne ausgebissen haben.
Ramachandran:
Oh, ich habe nichts gegen Hightech. Die neuen Scan-Verfahren
zur Erforschung des Gehirns sind hochinteressant. Das Wichtigste
jedoch ist, wenn der Forscher von einer wirklichen Neugier angetrieben
wird und er seinen Beruf nicht als einen simplen „Nine-to-five
Job“ begreift. Ich übe meinen Beruf als Wissenschaftler
deshalb ein wenig altmodisch aus. Schauen sie, ich bin ein sehr
pragmatischer Mensch, aber ich erlaube es mir durchaus naive Fragen
zu stellen. Auch sie dürfen gerne eine naive Frage stellen,
wenn sie wollen. Das sind mir oft die liebsten.
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Ramas Arbeitszimmer I |
Herr Ramachandran, was bringt
sie dazu die rätselhaften Phänomene des menschlichen
Geistes zu erforschen?
Ramachandran:
Einstein hat einmal gesagt, er hätte sich
seine kindliche Neugier bis ins hohe Alter erhalten, bei mir ist
es wohl ähnlich. Ich interessiere mich einfach für alle
Dinge, die mich zum Staunen bringen und das sind sehr viele.
Über was staunen sie derzeit
am meisten?
Ramachandran:
Ich staune ja immer gleichzeitig über mehrere
Sachen. Da wäre zum einen die Neuroästhetik, ein Gebiet,
das noch kaum erforscht ist. Ich habe in den neuen Reith Lectures
in England darüber gesprochen. Was bedeutet Schönheit
im neurologischen Sinn? Das ist sehr spannend. Warum finden wir
die prähistorischen Zeichnungen in der Höhle von Lascaux
in Südfrankreich z.B. so schön? Was wollten die Künstler
mit diesen Zeichnungen ausdrücken?
Haben sie eine Ahnung? Ich nehme
an, es waren Schamanen, die Bisons und andere Jagdtiere zum Schmücken
ihres Tanzplatzes verwendeten?
Ramachandran:
Ich sage ihnen, was mich hier zum Staunen bringt.
Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass es keine „Krikelkrakel“-Anfänger-Zeichnungen
in den Höhlen gibt? Wo sind die Zwischenstufen? Haben die Menschen
denn Malen damals nicht geübt? Dem Betrachter werden immer
fertige Kunstwerke präsentiert. Warum sollte es sich bei den
Höhlenmalereien nicht um eine Art „Vorlesung“ handeln?
Stellen sie sich die Höhle als ersten Vorlesungs-Raum vor.
In einer Art „Virtueller Realität“ wird den Zuschauern
ein Szenario, eine Jagdszene erklärt. Den unerfahrenen Jägern
wird geschildert, welche Tiere gut zu jagen sind, welcher Bär
gefährlich ist usw. Im geschützten Raum dieser Bildergeschichten
gingen die zukünftigen Jäger keinerlei Gefahr ein. Gefahrloses
Lernen war erstmals mittels „Virtueller Realität“,
nämlich einer gezeichneten Phantasie-Jagd-Geschichte möglich.“
Die spannendste Frage lautet hier jedoch: „Wie kam es zu diesem
kognitiven ästhetischen Funken im Kopf der frühen Menschen?
Wie und wieso haben sie überhaupt angefangen, das, was sie
Jahrtausende hindurch gejagt haben – abzubilden und auszudrücken?“
Ich glaube die Kunst spielte eine nicht zu unterschätzende
Rolle in der Entwicklung des menschlichen Gehirns.
Eines ihrer Lieblingsthemen: „Wie kommt
die Kunst in den Kopf“ oder „The artful brain“?
Ramachandran:
Ja. Für viele Wissenschaftler spielt die Kunst
keine besonders große Rolle. Sie ist quasi nur als Nebenprodukt
eines größer werdenden Gehirns entstanden. Sie diente
vordergründig keinem direkten Zweck – außer der
Verschönerung der menschlichen Umgebung. Ich denke jedoch die
Kunst der Höhlenmalerei diente in der Tat zur ersten virtuellen
Simulation der Wirklichkeit. Der Mensch bildet seine Welt ab und
malt sie an die Wand um andere Menschen zu unterrichten. Diese können
dann in einer Geschichte aus Bildern und Tönen virtuell erleben,
welche Tiere man jagen kann, wie die Jungtiere aussehen, welche
Laute sie von sich geben usw. Unsere Gehirnentwicklung hat auf jeden
Fall von der Entwicklung der Kunst profitiert und umgekehrt.
Wie man sehen kann, sind
sie auch ein Liebhaber traditioneller indischer Plastiken. Was fasziniert
sie so sehr an der Kunst?
Ramachandran:
Ist ihnen schon einmal aufgefallen,
dass die Kunst gerne übertreibt? So werden die Brüste
dieser indischen Tänzerin, die sie hier sehen, ganz bewusst
übertrieben groß dargestellt. Die Abbilder der Wirklichkeit
werden in künstlerischen Werken gerne übertrieben. Unser
Gehirn liebt Übertreibungen, da auf diese Weise bestimmte Dinge
überdeutlich werden. Nehmen sie Ratten, die lernen sollen zwischen
einem Rechteck und einem Quadrat zu unterscheiden. Geben sie der
Ratte Käse wenn sie ein Rechteck sieht. Sehr bald lernt die
Ratte das Prinzip „Rechteckigkeit“ – denn wenn
sie nun hingehen und das Rechteck in die Länge ziehen und abflachen,
also länger und dünner machen, zieht die Ratte dieses
Rechteck dem ursprünglichen vor. Denn für die Ratte ist
es nun noch rechteckiger! Innerlich sagt sie vielleicht, „Wahnsinn,
was für ein Rechteck“ - und erwartet mehr Käse.
Dasselbe passiert in der Kunst und in der Karikatur. Übertreibungen
lösen stärkere Reize aus, deswegen wendet die Kunst diese
Reize als Technik an.
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Ramas Kuriositätenkabinett I |
Welche
Erkenntnisse kann man aus der Erforschung der Neuroästhetik
ziehen?
Ramachandran:
Picasso hat einmal gesagt: „Kunst
ist die Lüge, die die Wirklichkeit verdeutlicht.“ Dieser
Gedanke hat mir sehr imponiert. Also habe ich, als ich einmal in
einem Tempel in Indien saß, aus einer Laune heraus 10 universelle
neurologische Gesetze der Kunst formuliert. Sie können sie
in meinem Buch „The artful mind“ nachlesen. (Das Buch
liegt bisher nicht in deutscher Übersetzung vor!) 90% dessen,
was wir Kunst nennen ist kulturell bedingt. Mich hingegen interessieren
die 10%, die Rückschlüsse darüber zulassen, wie unser
Gehirn funktioniert. Kontrast, Symmetrie und Gruppierung sind wichtig.
Auch das Prinzip der Übertreibung hatte ich Ihnen bereits genannt.
Mitunter ziehen selbst Kinder Computersimulationen der Realität
vor. Übertreibung, Verzerrung - das funktioniert also sehr
gut. Aber auch das Gegenteil kann als neurologische Verstärkung
eingesetzt werden: die Reduzierung von Reizen.
Aber ist das kein
Widerspruch? Wie kann die Übertreibung und der genaue Gegensatz,
die Reduzierung von Reizen, auf die gleiche Art wirken?
Ramachandran:
Einerseits reagiert das Gehirn auf starke Reize, auf Übertreibungen,
Verzerrungen, Überspitzungen. Andererseits jedoch hat bereits
der Verhaltensforscher Niko Tinbergen mit seinen Versuchen an Möwenküken
gezeigt, wie Reduzierung als starker auslösender Reiz wirken
kann. Die Evolution liebt die ökonomische Variante und spart
Energie wo es nur geht. Ein geschlüpftes Möwenküken
einer bestimmten Art benötigt nur einige bunte Flecken als
Auslösemechanismus für ganze Verhaltensketten. Im Falle
des Herrn Tinbergen reichte ein langer gelber Stab mit drei roten
Strichen darauf aus, um die Küken dazu zu bringen, den Stab
um Futter anzubetteln. Dasselbe geschieht in der abstrakten Kunst
eines Picasso. Reduzierung als Reiz auslösender Mechanismus.
Wenn diese gelben Möwen eine Kunstgalerie hätten, so würden
sie wahrscheinlich einen gelben Besenstiel mit drei roten Streifen
dort präsentieren, ihn Picasso nennen, Millionen von Dollar
dafür zahlen und nicht wissen, wieso sie dies tun.
Um die Auswirkungen von Sprache und Kunst
auf das Gehirn zu erforschen gehen sie auch in ihren Seminaren eigentümliche
Wege? Lindsey Schenk, eine Studentin von ihnen, hat mir verraten,
sie würden gerne „verrückte Experimente und Expeditionen“
mit den Studenten durchführen.
Ramachandran:
Nun, man könnte das, was wir in den Seminaren
manchmal erproben „Praktische experimentelle Neurowissenschaft“
nennen. Wissenschaftliche Forschung durch Ausprobieren. Auch Gedanken-Expeditionen
in die Frühgeschichte der Menschheit können sehr spannend
sein. Wie ist beispielsweise die menschliche Sprache entstanden?
Warum benutzen die Menschen die Vokale i und e um kleine Dinge zu
bezeichnen, während a, u und o in den meisten Sprachen eher
für große Dinge verwendet werden? Wenn sie selbst Lautfolgen
einmal mit dem Mund nachahmen, so bekommen sie ein Gefühl dafür,
wie es gewesen sein könnte, als Menschen die ersten Worte formten.
Wenn sie den Laut „mi mi mi“ aussprechen ist ihnen instinktiv
klar, dass damit niemals etwas gigantisch Grosses bezeichnet werden
konnte. Aber warum ist das so?
Wenn sie einen kleinen Gegenstand teenyweeny nennen und mit einem
Pinzettengriff danach greifen, entsteht eine Drei-Wege-Synergie
in ihrem Gehirn. Einerseits sehen sie das kleine Etwas, dann greifen
sie mit dem Daumen und Zeigefinger nach etwas Kleinem und dann formen
sie es mit ihrem Mund nach und sprechen es aus: teenyweeny. So könnte
die Proto-Sprache entstanden sein. Ursprünglich bestand eine
sehr enge Verbindung zwischen den Gegenständen der Welt und
den Begriffen, die die Menschen den Dingen verliehen.
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Tänzerin Patanjali |
Könnten sie ein konkretes
Beispiel für Protosprache geben, ein Protowort sozusagen?
Ramachandran:
Nun, ein sehr schönes Beispiel ist der Ausdruck:
„zick-zack“. Es gibt lautmalerisch nicht ein Geräusch
oder einen Tierlaut wieder wie „kuckuck“, sondern
Richtungen. Genauer gesagt sogar einen Richtungswechsel. Was einem
vielleicht als erstes in den Sinn kommen mag ist eine horizontale
zick-zack-Linie – etwa am Horizont verlaufende Bergketten.
Die Frage: „Welchen Laut würden sie einer aufsteigenden
schrägen Linie geben?“ würde bestimmt so manchen
Wissenschaftler aus der Fassung bringen. Was denken sie?
Nun, ich würde eine aufsteigende
schräge Linie, ihrem Beispiel entsprechend mit „zick“
bezeichnen und die abfallende Linie mit einem „zack“.Nun,
ich würde eine aufsteigende schräge Linie, ihrem Beispiel
entsprechend mit „zick“ bezeichnen und die abfallende
Linie mit einem „zack“.
Ramachandran:
Sehen sie, das ist praktische experimentelle
Neurowissenschaft wie ich sie liebe. Sie haben nämlich, als
sie „zick“ sagten ihre Stimme erhoben und gedehnt:
„ziiiick“ Sie beschrieben die gedachte Länge
der Linie mit dem gedehnten I. Der K-Laut bezeichnet klar das
Ende dieser Linie und dann haben sie beim „zack“ die
Stimme gesenkt: „ziiiick-zack, „ziiiick-zack“.
Zudem haben sie mit ihrem Zeigefinger die Linien in die Luft gezeichnet.
Wieso ist all das für die Neurowissenschaft interessant?
Ja, wo steckt hier der Erkenntnisgewinn?
Ramachandran:
Das werden sie gleich erkennen. Allerdings
muss ich dazu eines unserer verrückten Experimente mit ihnen
anstellen, auf welches die Studentin Lindsey Schenk hingewiesen
hat.
Nehmen wir wieder die uns bekannte Zick-Zack-Linie und formen
uns eine Art Stern mit wilden Zacken daraus. Eine geschlossene
Figur. Daneben befindet sich eine weitere geschlossene Figur,
eine amorphe runde Masse aus lauter Kurven ohne gerade Linie.
Nur zum Spaß sage ich in meinen Seminaren, diese beiden
Formen seien Bestandteile eines marsianischen Alphabets. Wir wissen
sogar, dass eine der beiden Figuren Bumpelhumpel und die andere
Tikiwiki heißt. Nur welcher Name gehört zu welcher
Figur.
Das ist einfach, Tikiwiki das ist der gezackte
Stern und Bumpelhumpel steht zweifellos für die runde gebogene
Amöbe.
Ramachandran:
Sehen sie und warum wissen sie das? Warum sagen hier mehr als
98% aller Menschen das gleiche? Wir haben Patienten mit einer
kleinen Läsion in der linken Hirnhemisphäre dieselbe
Aufgabe gestellt und sie konnten nur raten. Die neurologische
Lösung lautet: Von Beginn an sind alle Menschen mehr oder
weniger synästhetisch veranlagt. Sicherlich haben sie davon
gehört. Es gibt Menschen, die hören eine bestimmte Frequenz,
wenn sie eine Farbe wahrnehmen oder sie sehen dort, wo wir Normalsterbliche
nur schwarze Zahlen auf weißem Grund erkennen Farben. Dieses
Phänomen nennt man Synästhesie. Der Laut Tikiwiki löst
in ihrem auditiven Zentrum etwas Ähnliches aus wie der Stern
in ihrem visuellen Zentrum. Hier kommt es zu einer synästhetischen
Kreuzung zwischen den beiden Zentren. Die meisten Menschen wissen
gar nicht, dass sie im Grunde synästhetisch veranlagt sind.
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Ramas Kuriositätenkabinett II
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Sie würden
also sagen, die Entstehung unserer Sprache ließe sich auf
unsere Begabung zur Synästhesie zurückführen?
Ramachandran:
Ja sicher. Das Studium
alter Sprachen ist hier sehr aufschlussreich. In meinem Heimatland
Indien gibt es in Hindi einen Begriff, der aus dem Sanskrit stammt:
„pakerna“. Er bedeutet soviel wie zugreifen, etwas fassen.
Doch wenn ich „pakerna“ sage, so habe ich auch das Empfinden,
als ob dieser sehr alte Begriff genau dem entspricht, was ich da
tue. Das ist unbewusste Synästhesie.
Das ist ein sehr interessantes Beispiel
für die indo-germanische Sprachverwandtschaft. Auch im Deutschen
kennen wir den Begriff „zu-packen“. „Pakerna“
und „packen“ - das klingt sehr ähnlich.
Ramachandran:
Sehen sie, wenn sie alte
Sprachen oder Musik studieren, so kann das sehr interessant sein.
Übrigens auch neurologisch. Haben sie schon einmal darauf geachtet,
wo in ihrem Körper die Vokale repräsentiert sind. Man
muss gar nicht an das System der Chakras glauben. Sie können
selbst nachempfinden, dass die Frequenz eines tiefen U-Lautes nicht
in ihrem Hals oder Kopf sitzt, sondern in ihrem Bauch. Formen sie
hingegen ein hohes I – so wird diese Frequenz zweifellos viel
weiter oben, nämlich in ihrem Kopf erzeugt. Damit hätten
wir auch die Lösung, warum sie bei der Zick-Zack-Linie beim
Ausdruck „Zick“ zwangsläufig an etwas nach oben
Strebendes denken, während das „Zack“ nach unten
abfällt. Es ist Wissen, das sich über die Jahrtausende
in ihrem Körper, in ihrem Gehirn gebildet hat.
Aber ist das alles nicht höchst spekulativ?
Wie weit darf sich die Wissenschaft in das Reich der Spekulation
vorwagen?
Ramachandran:
Wissenschaft ist immer
eine Reise zu unerreichbaren Orten, ins Reich dessen „was
wahr sein könnte“. Spekulation ist wunderbar, solange
sie zu sinnvollen Vorhersagen führt und der Wissenschaftler
deutlich macht, wann er sich auf dünnes Eis begibt.
Jahrelang war den Neurologen nicht
klar, wie Menschen mit einer Amputation ihren so genannten Phantomschmerz
loswerden könnten. Sie haben dieses Rätsel mit einem einfachen
Spiegel gelöst. Könnten Sie bitte erklären wie sie
darauf kamen?
Ramachandran:
Das Gehirn ist im Falle
einer Amputation sehr stark irritiert. Die internen Repräsentationen
für einen amputierten Arm sind zweifellos noch vorhanden, dennoch
meldet das visuelle Zentrum das Fehlen des Armes. Die Forschung
tappte, was den so genannten Phantomschmerz betrifft, seit Jahrzehnten
im Dunkeln. Der nach Amputationen auftretende Schmerz wurde erst
als Phantasieprodukt abgetan, dann versuchte man durch immer weitere
„Nachamputationen“ die Neuronen zu „beruhigen“.
Mir ist es gelungen das Gehirn durch ein kleines Zauberkunststück,
einen Holzkasten mit einem inneren Spiegelsystem, zu überlisten.
Der Patient legt seinen gesunden Arm in die eine Seite des Kastens
und platziert seinen Phantomarm auf die andere Seite. Mittels eines
Spiegels erscheint es dem Patienten so, als habe er zwei gesunde
Arme. Mit Hilfe dieser Therapie konnte ich so manchen Patienten
von seinen Phantomschmerzen befreien. Ich habe ihm sozusagen die
Schmerzen aus dem Kopf amputiert.
Ähnlich wie ihr Kollege Oliver Sacks
sind sie vor allem an außergewöhnlichen Fällen der
Neurologie interessiert. In ihrem Buch „Die blinde Frau, die
sehen kann“ (engl. Phantoms in the Brain) berichten sie u.a.
über Fälle in denen Menschen ihre Verwandten für
Hochstapler halten.
Ramachandran:
Die Erforschung des Außergewöhnlichen
und des offensichtlich Normalen liegt oft eng beieinander. Beides
gibt uns Neurowissenschaftlern gleichermaßen Rätsel auf.
Haben Sie schon einmal gesehen, wie ein kleiner Shaolin –
Mönch aus fünf Metern Entfernung eine dünne Nadel
in eine Glasscheibe wirft, so dass diese stecken bleibt. Schon physikalisch
ist das schwer erklärbar. Es ist außergewöhnlich.
Doch die Wissenschaft steht auch was den gewöhnlichen Schlaf
und das Lachen anbelangt noch immer vor Rätseln. Selbst die
Erforschung des Gewöhnlichen kann außergewöhnlich
sein, wenn sie mit der entsprechenden Sichtweise herangeht.
Doch Menschen mit außergewöhnlichen
Fähigkeiten oder Symptomen sind selten. Wie aussagekräftig
ist ein einziger nachgewiesener Fall?
Ramachandran:
Zuerst einmal erforschen
wir außergewöhnliche Symptome um etwas über die
Funktionsweise eines normalen, gesunden Gehirns zu verstehen. Ein
einzelner sorgfältig untersuchter Fall kann hier ebenso aussagekräftig
sein, wie statistische Erhebungen an Hunderten von Fällen.
Viele der Syndrome die im Laufe der Zeit zum wissenschaftlichen
Fundus der Neurologen geworden sind, beruhen auf „Single Case
Studies“. Nehmen sie die Aphasie oder die von Brenda Milner
und Elizabeth Warrington beschriebenen Fälle von Amnesie.
Ich habe schon oft betont, …schauen sie, wenn ich ihnen jetzt
hier ein sprechendes Schwein in mein Arbeitszimmer bringen würde,
dann wären sie doch verblüfft - oder etwa nicht? - Gut
- Würden sie dann hingehen und das sprechende Schwein in Zweifel
ziehen indem sie sagen: „In Ordnung, das ist ein sprechendes
Schwein – aber es ist nur ein Schwein!“
Sie haben sich die Worte eines Schriftstellers
als Motto gewählt: „Suche auf jedem Gebiet die merkwürdigste
Sache und dann erforsche sie.“ Was war für sie bisher
die „merkwürdigste Sache“?
Ramachandran:
Als Wissenschaftler hat
mich bisher am meisten die Tatsache fasziniert, wie ein halbseitig
gelähmter Mensch nicht nur seine eigene Lähmung ignorieren
konnte sondern auch die Lähmung eines anderen Patienten. Als
Jugendlicher hat mich fasziniert, dass unsere kleinen Hörknöchelchen
im Innenohr sich im Laufe der Evolution aus den Kieferknochen der
Reptilien entwickelt haben. Unglaublich aber wahr.
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Ramas Arbeitszimmer II
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