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Die Magie des
Spiegels

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Giacomo Rizzolatti
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Mit seinen etwas abstehenden struppigen
weißen Haaren und dem verschmitzten Lächeln erinnert
Giacomo Rizzolatti ein wenig an Albert Einstein. Ihm selbst scheint
dieser Vergleich gar nicht unangenehm zu sein. „Auch mein
Team und ich stoßen hier, ähnlich wie Einstein, in
neue Dimensionen vor. Schließlich finden immer noch einige
der größten Geheimnisse in unserem eigenen Kopf statt,
nicht wahr?“
Das „Geheimnis“, dem Giacomo Rizzolatti und sein Team
1992 auf die Spur gekommen sind, gilt in der wissenschaftlichen
Welt seit einigen Jahren als eine der größten Entdeckungen
der Hirnforschung. Die Forscher fanden im prämotorischen
Cortex von Affen Neuronen, die bereits bei der reinen Beobachtung
einer Tätigkeit, so feuern, als ob sie diese Aktion selber
ausführen würden. Dabei vollführen die, von den
italienischen Forschern „Spiegelneurone“ genannten
motorischen Nervenzellen, keinerlei „motorische Reaktion“.
Das heißt, während der Affe sieht, wie ein anderer
Affe eine Erdnuss nimmt und verzehrt, „spielt“ er
im inneren diese Situation nach, er spiegelt das motorische Verhalten
seines Artgenossen und zeigt damit, dass er es „nachvollziehen
kann“.
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Interview
mit Giacomo Rizzolatti
in Parma
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In
der Literatur und im Internet werden nur sie und Vittorio Gallese
als die Entdecker der Spiegelneuronen aufgeführt, Giovanni
Buccino jedoch hat mir gesagt, dass einige andere Entdecker einfach
übergangen wurden.
Rizzolatti:
Da hat Giovanni natürlich recht. Die Presse und das Internet
machen sich das zu einfach. Die ersten Experimente wurden von der
ganzen Gruppe gemacht, es war also nicht nur, wie oft geschrieben
wurde, Gallese. An der Entdeckung waren Fogassi, di Pellegrinound
und Gallese beteiligt. Sie kamen zu mir und sagten, da ist eine
Entladung im Gehirn, die wir nicht zuordnen können, wahrscheinlich
eine Art Artefakt. Der Affe imitiert etwas, was wir tun. Fogassi
war der erste, der die Spiegelneuronen entdeckt hat, aber wir entschieden,
dass in der Öffentlichkeit die ganze Gruppe als Entdecker angegeben
wird. Das war 1992. Dann veröffentlichten wir 1996 zwei Artikel.
Einen in „Brain“, den anderen in „Cognitiv Brain
Research“ über Affen-Spiegel-Neuronen. Parallel dazu
hat damals bereits die Diskussion um einen Nachweis im Menschen
begonnen. 1995 haben wir mit der Gruppe in Mailand das erste PET-Experiment
gemacht (Positronen-Emissions-Tomograph). Wir konnten Aktivität
im motorischen Kortex nachweisen, insbesondere und das war erstaunlich,
im Broca-Zentrum!
Anschließend mussten wir nun Versuche am primären Kortex
machen, um nachzuweisen und sicherzustellen, dass es sich nicht
um einen Artefakt handelt.
Vor der Entdeckung der Spiegelneuronen schien
die Neurophysiologie keinen rechten Gefallen an den motorischen
Zentren zu finden. Warum sind die motorischen Funktionen erst so
spät in den Fokus der Neurowissenschaftler gerückt?
Rizzolatti:
Das ist eine sehr gute Frage. Die Antwort: Weil die Neurowissenschaft
von sehr konservativen Kräften dominiert wurde. Die Wissenschaftler
nahmen damals an, das Motorische System sei nur dazu da, bestimmte
Bewegungen hervorzurufen. Die Neuronen im Gebiet F5 des prämotorischen
Kortex hielten sich jedoch nicht an diese Spielregeln. Sie entluden
sich nicht nur in der Relation zu einer Bewegung, sondern ebenso
bei Aktionen.
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Was ist der Unterschied zwischen
einer Bewegung und einer Aktion?
Rizzolatti:
Nun, früher war man der Ansicht, dass der
motorische Kortex und die prämotorischen Gebiete, also die
Zonen der höheren Gehirnfunktionen ausschließlich bestimmte
Bewegungen codieren, beziehungsweise an der exakten Bewegungsvorbereitung
beteiligt sind. Doch bereits im Jahr 1988 entdeckten wir, das
im prämotorischen Kortex viele Neuronen auch Aktionen codieren.
Das bedeutet: Es feuerten die selben Neuronen, ob der Affe nun
mit seiner rechten oder seiner linken Hand zugriff, ja selbst
wenn er mit seinem Mund „griff“. Neuronen feuern also
bei einer Aktion, in diesem Fall einer Greifaktion, egal wie diese
erfolgt. Die Intention ist wichtig.
Gab es da nicht eine gewisse Arroganz
der Wissenschaftler, die motorische Funktionen als niedrige Hirnfunktion
ansahen und kognitive als höhere Hirnfunktion?
Rizzolatti:
Absolut! Alle, die sich in diesen Tagen
mit dem Motorischen System beschäftigt haben, waren überzeugt,
dass das Motorische System keine kognitiven Funktionen hätte.
Wie ich schon gesagt habe, bereits 1988 wiesen wir auf unsere
Arbeit hin, aber ich habe den Eindruck, keiner hat dies gross
beachtet. Zuerst begannen sich übrigens die Neuropsychologen
für unsere Arbeit zu interessieren. Die rein neurophysiologisch
ausgerichteten Teams folgten viel später. Ramachandran half
uns sehr dabei!
Wie hängt das zusammen: Wahrnehmung,
Motorik und Kognition?
Rizzolatti:
Mittlerweile gibt es in der Forschung einen starken
Trend hin zum Körper. Wir mappen alles in unser motorisches
System. Sicherlich, benutzen wir auch unser propriozeptives System
sehr häufig. Wichtig zum Verständnis ist jedoch, dass
die Kognition nicht auf einem getrennten sensorischen und einem
motorischen System und irgendetwas Magischem dazwischen beruht.
Kognition besteht aus dem Mappen des sensorischen Systems in Aktion!
Wir brauchen also keine großen Gebiete für Assoziation.
Das läßt sich viel ökonomischer lösen, indem
man Informationen einfach auf das motorische System legt! Das
ist die Basis. Sicherlich können in höheren Regelkreisen
kompliziertere Mechanismen hinzukommen. Im Prinzip fallen jedoch
Wahrnehmung, motorische Aktion und Kognition als identische Neuronenverbände
in einem Punkt zusammen. Eins geht hier aus dem anderen hervor.
Aber dann könnte man sagen, dass es neben der kognitiven und
der emotionalen auch eine motorische Intelligenz gibt?
Rizzolatti:
Intelligenz, wurde bisher ausschließlich
mit Kognition in Verbindung gebracht, aber bereits Piaget hat
gezeigt, dass eine „Motorische Intelligenz“ im Spiel
ist. Aber wir dürfen den Begriff der motorischen Intelligenz
nicht mit der von Howard Gardner verwechseln! Er beschreibt besondere
motorische Fähigkeiten. Motorische Intelligenz, wie wir sie
verstehen, ist auch eine Fähigkeit, nämlich die besondere
Fähigkeit zu begreifen, was die anderen tun. Wir müssen
uns in den Anderen hineinversetzen, wir müssen uns einlassen.
Die Motorische Intelligenz ist eine soziale Intelligenz, weil
sie sich auf den anderen einlässt! Warum sind wir so gut
im Verstehen dessen, was die anderen tun? Das Interessante an
Motorischer Intelligenz ist, vorhersagen zu können, was der
Andere im nächsten Moment tun wird. Wenn ich sehe, wie jemand
zur Waffe greift, muss ich wissen, das ich weglaufen muss.
Wie sieht es mit den Emotionen
aus? Schließlich kommt im Wort E-Motion auch die Bewegung
vor. Werden auch Emotionen im prämotorischen Kortex gespiegelt?
Rizzolatti:
Nun, was die Emotionen betrifft,
verfolge ich eine andere Spur. Auch Emotionen benutzen eine Art
Spiegel-System, aber es ist ein besonderes Spiegel-System! Ich will
ihnen erzählen wie ich darauf komme. Betrachten wir z.B. das
Gesicht. Das Gehirn hat eine klare Verbindung hinunter zum Broca-Gebiet
für die Sprache. Aber es gibt auch einen Weg hinunter zur Amygdala
und vor allem zur Insel. Im Gebiet der Insel gibt es eine Art zweites
Spiegel-System. Experimente, in denen die Probanten gefühlsmäßig
stimuliert werden belegen, dass bei Ekel-Reaktionen die Amygdala
aber eben auch die Insel beteiligt ist.
Fotoversuchsreihen belegen, dass die Insel der einzige Bereich ist,
in dem eklige Bilder dasselbe Feuern auslösen können,
wie das Betrachten von Gesichtern mit emotionalem mimischen Ekelreaktionen.
Ich möchte gerne einen Bericht mit der Überschrift schreiben:
„We are both disgusted in my insula.“ Wenn ich ein angewidertes
Gesicht sehe, dann bin auch ich angewidert, weil meine Grundmechanismen
im Spiegelsystem der Insel aktiv werden.
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Aber
es muss ja nicht immer Ekel sein. Beim Betrachten eines Delfins
assozieren wir sofort ein Lächeln. Wir spiegeln also etwas,
was wir glauben in der Mimik des Tieres zu erkennen.
Rizzolatti:
Wenn wir Tiere sehen, glauben wir zu verstehen,
was sie tun. Aber wie erkennen wir, was beim Tier im Innern vor
sich geht? Wir haben also hier am Institut ein Experiment gemacht.
Wir präsentierten Studenten Videoclips, in denen einer der
Mitarbeiter des Institutes in einen Apfel biss und dann langsam
kaute. Anschließend sahen die Studenten ein Affe der das Gleiche
tat und dann einen kauenden Hund. Im zweiten Teil des Experiments
präsentierten wir den Beobachtern Filme mit dem sogenannten
lip-smacking von Schimpansen, einer lesenden Person und einen bellenden
Hund ohne Ton.
Wir hatten also zwei Szenarios. Beißen und Kauen in drei Fällen
und kommunikative Gesten in drei Fällen.
„Wir wissen nicht was Bellen bedeutet,
also können wir es auch nicht spiegeln.“ (Giacomo Rizzolatti)
Durch Magnetresonanz-Messungen konnten wir feststellen,
dass es egal ist, ob der menschliche Betrachter einen Hund, Menschen
oder Affen zubeißen sieht. In allen drei Fällen wird
auch beim Betrachter dasselbe motorische Hirnareal aktiviert. Das
Erstaunliche war jedoch, im Falle des Bellens konnten wir zwar feuernde
Neuronen im visuellen Zentrum feststellen, das motorische Zentrum
hingegen blieb nahezu „stumm“. „Bellen“
zählt nicht zu unserem eigenen motorischen Repertoir. Menschen
können zwar „Bellen“ imitieren, einige von ihnen
sogar sehr gut, doch wirklich begreifen was „Bellen“
bedeutet, können wir nicht!
Wir können
also nur spiegeln, was auch zu unserem eigenen motorischen Repertoire
gehört, wie zum Beispiel das Zubeißen?
Rizzolatti:
Ganz genau. Bei näherer Betrachtungsweise kommen wir sogar
zu einem philosophischen Punkt. Grundsätzlich gibt es zwei
Wege eine Aktion wahrzunehmen. Nehmen wir an, sie sehen ein Mädchen
in einen Apfel beißen. Sie wissen was Beißen bedeutet,
aber dahinter steckt nun weitaus mehr. Denn sie fühlen auch
etwas, da gibt es einen bestimmten Geruch, Geschmack, vielleicht
haben sie Erinnerungen, denn sie kennen den gesamten Kontext. Sie
wissen wie es sich anfühlt in einen Apfel zu beißen,
da sie es selbst schon einmal getan haben. Ein Roboter der die gleiche
Aktion wahrnimmt, sieht nur die reine Aktion.
Es gibt also zwei Wege. Einmal den objektiven Weg, der darin besteht,
nur die puren Gesten zu sehen, die reine Aktion, so als wäre
das Beißen in einen Apfel nur ein rein mechanischer Vorgang.
Ein Roboter sieht den Apfel, die Hand, den Kiefer usw., aber dieses
reine Betrachten entspricht noch nicht dem tieferen Verstehen dessen
was wir da sehen. Eine Maschine nimmt unpersönlich wahr, ohne
eigene innere Repräsentationen für das was man sieht oder
hört. Auf der anderen Seite steht die persönliche Betrachtung.
Philosophen nennen das „personal way“. Man betritt einen
„personalen Raum“, man kennt sich aus, kennt den Kontext,
versteht was hier vor sich geht aus eigener Erfahrung.
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Hängt unsere Fähigkeit
Stimmen, Laute, den Gesichtsausdruck und Körperhaltungen
imitieren zu können auch mit den Spiegelneuronen zusammen?
Rizzolatti:
Das ist sehr kompliziert. Es scheint so, als ob es Verhaltensweisen
gibt, die auf Imitation beruhen. Nehmen sie zum Beispiel das Lachen.
Fängt einer an zu lachen, so lachen alle. Dazu ist keine
höhere Hirnfunktion nötig, das ist kein Lernen, das
ist eine Art soziale Basisreaktion. Leider wissen wir aber nicht,
wieso das so ist. Imitation ist eine Fähigkeit, die sich
speziell beim Menschen entwickelt hat.
Im Deutschen benutzen wir aber
für das „Nachahmen“ auch das Wort „Nachäffen“.
Mir scheint es so, als ob auch Affen imitieren könnten, von
Papageien ganz zu schweigen.
Rizzolatti:
Man muss hier differenzieren. Menschenaffen
können ganz passabel imitieren, Affen jedoch nicht. Die Fähigkeit
zur Imitation, die motorische Intelligenz ist außerordentlich
wichtig für das soziale Leben. Es gibt mimetische Mechanismen
sich der Umgebung in der man sich befindet anzupassen. Wenn ich
z.B. in die Gegend von Rom komme, beginne ich gleichsam automatisch
mich dem dortigen Dialekt anzupassen. Dies ist vor allem ein sozialer
Mechanismus, wahrscheinlich um besser akzeptiert zu werden. Ein
Mechanismus um Kohärenz in der Gruppe zu erzeugen. Natürlich
kann man sich auch einen Spaß daraus machen, Dialekte zu
imitieren.
Die motorische Intelligenz ist
also in erster Linie eine soziale Intelligenz?
Rizzolatti:
Wie ich schon sagte ist Motorische Intelligenz
eine ganz besondere Fähigkeit, nämlich die Fähigkeit
zu verstehen, zu begreifen, was die anderen in meiner Gruppe tun.
Erinnern sie sich an das menschliche Spiegeln des Beißens
und das Nichtspiegeln des Bellens! Motorische Intelligenz ist
eine soziale Intelligenz. Nicht nur bei den Tieren, sondern vor
allem bei uns Menschen! Warum sind wir so gut im Verstehen dessen,
was die anderen tun? Weil wir Menschen, ich betonte es bereits,
vorhersagen können, was der Andere im nächsten Moment
tun wird. Die Anfangssequenz einer intentionalen motorischen Bewegung,
wie das Greifen einer Tasse guten Cappucchinos, kann jedes Kind
interpretieren. Man weiß was kommt, insofern, als man den
guten Kaffee nicht verschüttet. Man führt die Tasse
zum Mund und trinkt ihn. So banal das klingt, das Verstehen des
Verhaltens der Anderen ist außerordentlich wichtig.
So haben Wissenschaftler wie z.B. Humphrey festgestellt, dass
die Intelligenz eines Gorillas primär eine soziale Intelligenz
ist. Gorillas haben ein großes Gehirn, das vor allem einer
Sache dient, herauszufinden, was geht in meiner Gruppe vor sich,
wie geht mein Nachbar mit dem Alphamännchen um, muss ich
nett sein oder weglaufen, wer ist stärker, wer ist schwächer,
was denkt dieser Gorilla wohl gerade usw.
Aber das Wichtige hierbei ist: All dies hängt unmittelbar
mit dem motorischen System zusammen. Begreifen kommt von greifen.
Ja, das sagen wir im Deutschen auch. Begreifen
scheint in der Tat etwas mit dem körperlichen Greifen zu
tun zu haben.
Rizzolatti:
Wie ich es sage: Auf Italienisch ist com-prendere nichts anders
als prendere, also nehmen. Aber sie können auch das Englische
nehmen, „to grasp a concept“, „Com – prehension“,
„grasping things“ – also eins ist vollkommen
klar, die prä-verbale Sprache war sehr körpernah, sehr
körperbezogen.
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